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Enneleyn folgte den beiden Raben, so gut sie es in ihrem erschöpften Zustand konnte. Jeder Muskel schmerzte, sie fühlte sich müde und kraftlos. Der immer mehr an Stärke gewinnende Wind, der den Herbst ankündigte, riss an ihrer Kleidung und peitschte ihre Haare wild umher.
Als sie die beiden Raben aus den Augen verlor, machte sie an dem immer breiter werdenden Fluss Rast. Am Ufer ließ sie sich auf die Knie sinken und stützte sich auf die Hände, wobei ihr Blick auf das Spiegelbild auf der Wasseroberfläche fiel. Ihr Gesicht war kaum noch unter der Schicht aus Blut, Staub und Schweiß zu erkennen. Durch ihr Haar, das mit kleinen Zweigen und Moos gespickt war, ähnelte sie eher einem Bergtroll als der Enneleyn, die sie vor dem Überfall gewesen war. Sie schöpfte mit ihren Händen das kühlende Flusswasser und stillte ihren Durst, bevor sie sich Gesicht und Hände wusch.
Einen Moment am Flussufer sitzend, zupfte sie nachdenklich hier und da Ästchen und Moos aus ihrem Haar heraus und begann, mit ihren Fingern ihre dunkelroten Locken durchzukämmen.
Oh Götter, bitte helft mir, bald andere Menschen zu finden!
Nach ihrer Rast folgte sie dem immerzu grünen Flussufer. Dort Beerensträucher zu finden, war beinahe aussichtslos, aber sie wollte das Flussufer, zu dem die beiden Raben sie geführt hatten, nicht mehr verlassen. Die Farben des Tages begannen bereits zu verblassen, als sie eine Stelle erreichte, an welcher der Fluss, dem sie folgte, in einem breiten Fjord mündete.
Plötzlich entdeckte Enneleyn in einiger Entfernung ein Schiff, welches flussaufwärts fuhr. Ihr Herzschlag fing schneller an zu schlagen und sie nutzte ihre letzten Kraftreserven, um ihre schleppenden Schritte zu beschleunigen, stolperte jedoch immer wieder entkräftet über das steinige Flussufer. Sie hatte das Schiff schon fast aus den Augen verloren, als sie endlich die Biegung des Fjords erreichte und erstaunt stehen blieb.
Auf der gegenüberliegenden Uferseite lag ein Dorf, auf welches das Langschiff zusteuerte und das mindestens dreimal so groß war wie ihr eigenes. Der Hafen war gesäumt von vielen Anlegestegen und Schiffen verschiedenster Größen – so etwas hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Erschöpft blickte sie zu dem sich immer weiter entfernenden Schiff – es war ihre einzige Rettung. Denn bis zu diesem Dorf würde sie es nicht mehr schaffen, zu schwach war ihr entzerrter Körper. Enneleyn hob ihre Arme und versuchte winkend auf sich aufmerksam zu machen, aber die Strapazen der Reise holten sie nun endgültig ein. Die Welt um sie herum begann zu schwanken und ein dunkler Schleier legte sich über ihren Blick, als sie ohnmächtig zu Boden sank.
*
Enneleyn erwachte in vollkommener Dunkelheit. Jeder Muskel und jede Faser ihres Körpers schmerzte, ihre Glieder fühlten sich schwer wie ein Stein an und Kopfschmerzen quälten sie. Wispernde Stimmen drangen zu ihr vor, doch noch verstand sie diese nicht. Sie versuchte die Augen zu öffnen und ihre Finger zu bewegen, aber ihr Körper wollte ihr noch nicht gehorchen. Langsam wurden die Stimmen um sie herum deutlic