Viertes Kapitel
Victor war ein Gewinnertyp. Obwohl er aus dem Kaukasus stammte, war der Hamburger Kiez für ihn sehr schnell zu seiner natürlichen Umgebung geworden. Sein Deutsch reichte aus, um Leute einzuschüchtern, Schulden einzutreiben und Frauen klarzumachen. Im Zweifelsfall verließ er sich ohnehin lieber auf seine physische Präsenz als auf sprachliche Feinheiten.
Victor gehörte zu den Schlägern, die überhaupt keine Gewalt anwenden müssen.
Die meisten Widersacher knickten schon ein, wenn sie ihm bloß gegenüberstanden. Dabei war Victor nicht übermäßig groß, und es gab auf St. Pauli etliche Kerle mit größeren Muskelpaketen als er sie besaß. Aber Victor verstand es wie kaum ein anderer Mann, durch seine bloße Anwesenheit eine Todesdrohung auszusprechen. Dafür musste er noch nicht einmal die Hände aus den Hosentaschen nehmen.
An diesem Abend hatte Victor Zeit und außerdem die Taschen voller Geld. Eine gute Kombination, um sich auf der Reeperbahn zu amüsieren. Er war kein Mann, der sich in einer Nepp-Touristenfalle das Fell über die Ohren ziehen ließ. Außerdem fühlt sich ein Wolf in Gesellschaft von Schafböcken nicht unbedingt wohl, er wird zu schnell gelangweilt.
Victor ging langsam Richtung Spielbudenplatz. Er entschied sich für einen Drink in der Sanktpaulibar. Die auf Krawall gebürsteten betrunkenen Teenager wichen ihm instinktiv aus. Sie ahnten, dass sie sich mit diesem Mann besser nicht anlegten.
Victor würde vor dem Morgengrauen vielleicht noch jemanden töten müssen. Er war der Meinung, dass er sich deshalb einen Wodka verdient hatte. Alkohol machte ihm so gut wie nichts aus, und Trunkenheit beeinträchtigte seiner Meinung nach nur Schwächlinge. Auch mit einem beachtlich hohen Blutalkoholgehalt konnte Victor immer noch mit großer Präzision den Stecher seiner Waffe durchziehen.
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