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Weihrauchdämpfe drangen in die Nase des alten Mannes. Doktor Samuel wusste, dass die Christen in ihren Gotteshäusern gerne Räucherwerk verbrannten. Aber in diesem Beinhaus hatte er eigentlich solche Gerüche nicht erwartet. Die Friedhofskapelle in dem verträumten Ort Sedlec war alles andere als ein gewöhnlicher Anbetungsort. Sie wurde nicht umsonst Knochenkirche genannt, denn der Sakralraum und sämtliche Ornamente des Gotteshauses bestanden aus menschlichen Knochen und Totenschädeln, die zu bizarren Kunstwerken zusammengefügt worden waren.
Doktor Samuel schritt langsam vorwärts, wobei der Saum seines schwarzen Kaftans den Steinboden berührte. Der Greis betrat zum ersten Mal in seinem langen Leben diese Totenstätte. Und doch fand er den genauen Verabredungsort auf Anhieb.
Graf Ludwig wollte sich vor dem Wappen der Fürstenfamilie Schwarzenberger mit Doktor Samuel treffen. Diese Nachricht hatte den alten jüdischen Mystiker durch einen verschwiegenen Boten im Prager Ghetto erreicht, und er war von einer schwarzen Kutsche mit verhangenen Fenstern hierher gebracht worden. Doktor Samuel fragte sich, was der jüngste Sprössling einer der bedeutendsten Adelsfamilien der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie von ihm wollte. Und weswegen Graf Ludwig einen so melodramatisch anmutenden Treffpunkt gewählt hatte.
Doch einstweilen war Doktor Samuel offenbar allein in der gotischen Kapelle, die von zahlreichen Kerzen in Knochenlüstern in ein geheimnisvolles Licht getaucht wurde. Und solange der weise Mann über den Grund seines Besuchs nur spekulieren konnte, b