Das «Bedürfnis, gegen kollektive Amnesie und Sprachlosigkeit anzukämpfen»1, bewegte die AutorInnen des Buches «Wenn nun wir Frauen auch das Wort ergreifen…». Frauen in Luxemburg/Femmes au Luxembourg 1880-1950, das 1997, vor mehr als zwanzig Jahren, erschien. Es war ein Meilenstein für die Erforschung der Frauengeschichte in Luxemburg und ermutigte dasCID/Fraen an Gender zur Herausgabe einer Reihe weiterer historischer Publikationen zum Thema: 2010 erschienNot the Girl you’re looking for… Objekt +Subjekt Frau in der Kultur Luxemburgs2. 2012 zeichneteDas Gespenst des Feminismus die Geschichte der Frauenbewegung in Luxemburg von den 1970er Jahren bis heute nach und eröffnete einen Blick in die Zukunft.3 2014 erschien die musik- und literaturhistorische PublikationKomponistinnen in Luxemburg.4
Wir sehen den vorliegenden Band als Fortführung und Weiterentwicklung des gleichen «Kampfes» um Sichtbarkeit und des Bemühens um «ein mehrperspektivisches und dezentriertes Betrachten der Luxemburger Wirklichkeit», wie es vor rund 20 Jahren im Vorwort des Buches«Wenn nun wir Frauen auch das Wort ergreifen…»formuliert wurde.5 Dies verweist auf ein patriarchalisches «Zentrum», das umschifft und damit destabilisiert werden soll. Zu Beginn des Zeitraums, dem das neue Buch gewidmet ist – die unmittelbare Nachkriegszeit –, waren patriarchale Strukturen noch deutlich ausgeprägt. Sie wurden aber durch die Bürgerrechts-, Frauen-, Drittwelt- und Friedensbewegungen der 1960er bis 1980er Jahre zutiefst in Frage gestellt, sodass wir heute möglicherweise in einem «postpatriarchalischen Zeitalter» leben. Diese Formulierung wurde von Eric Macé in Analogie zum «Postkolonialismus» geprägt.6 Sie bedeutet nicht, dass das Patriarchat abgeschafft sei, vielmehr, dass es zwar delegitimiert sei, aber strukturell weiterhin die gesellschaftlichen Beziehungen bestimme. Das trifft auch auf die «Luxemburger Wirklichkeit» zu, die unser Buch untersuchen möchte. Ein Blick auf die politische Unterrepräsentanz von Frauen auf kommunaler wie nationaler Ebene, 100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts, möge genügen, um dies deutlich zu machen.
Die Entstehung des vorliegenden Bandes verweist darauf, dass es in Luxemburg weiterhin notwendig erscheint, neben der allgemeinen Geschichtsforschung eine spezifische historische Genderforschung zu betreiben. Dies erscheint auf den ersten Blick paradox, da in diesem Bereich eine unübersehbare Entwicklung stattgefunden hat, welche die Genderdebatten weltweit stark beeinflusst hat. Dennoch bleibt die Frage, ob, wie es in den 1980er Jahren erhofft wurde, feministische Forschung die wissenschaftliche Praxis verändert hat: «The writing of women into history necessarily involves redefining and enlarging traditional notions of historical significance, to encompass personal, subjective experience as well as public and political activities. It is not too much to suggest that however hesitant the actual beginnings, such a methodology implies not only a new history of women, but also a new history.»7
Eine Geschichte der Frauen ist wichtig, aber sie bleibt unvollständig ohne Reflexion über die sich wandelnde Bedeutung von «Frauen» als Kategorie. Unstrittig ist, dass die Frauengeschichte ein wichtiger Wegbereiter der Genderforschung war. Dem Katalog desNetzwerks der Luxemburger Bibliotheken zufolge wurden bis heute mehrere hundert Bücher und mehrere tausend Artikel veröffentlicht, die zugleich von Luxemburg, Frauen und Geschichte handeln.