: WUNDERRAUM
: Frühlingsfest im Wunderraum Unsere neuen Bücher ab März 2019
: Wunderraum
: 9783641250447
: 1
: CHF 0.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
Vorableseprobe zu allen Titeln des WUNDERRAUM Verlags, die im Frühjahr 2019 (ab dem 25. März 2019) erscheinen.
Entdecken Sie in die herzerfrischenden Ansichten einer Schneiderin, die Altes auftrennt, um einen neuen Anfang zu finden. Reisen Sie in Gedanken nach Italien, in ein abgelegenes Bergdorf im Aostatal zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Hier wird die Außenseiterin Fiamma von allen gemieden, bis ein Mann versucht, ihre Seele zu retten - und ein anderer ihr Herz. Folgen Sie einem jungen Mann nach Edinburgh, wo er mit Hilfe einer alten Singer-Nähmaschine die Geschichte seiner Familie entdeckt. Beobachten sie zwei Liebende im London, die ihren gemeinsamen Weg verloren haben und dank der Briefe einer Unbekannten zueinander zurückfinden. Und begleiten Sie von Cambridge aus den Verstandesmenschen Professor Chandra auf die lange Reise zu sich selbst.

Wir wünschen glückserfüllte Lesetage, durchschmökerte Nachte und lang anhaltende Bücherfreuden mit unseren Frühjahrstiteln.

Das kostenlose Leseproben-E-Book enthält Leseproben zu

- Angelika Waldis: 'Der geheimen Leben der Schneiderin'

- Francesca Diotallevi: 'Der Wind in meinem Herzen'

- Natalie Fergie: 'Die Nähmaschine'

- Hellen Cullen: 'Die verlorenen Briefe des William Woolf'

- Rajeev Balasubramyam: 'Professor Chandra folgt dem Flow'

Das Paket macht ihr Angst. Seit ein paar Tagen liegt es auf dem Bücherregal. Sie hat sich noch nicht daran gewöhnt. Wenn sie das Zimmer betritt, schaut sie immer zuerst dorthin, als wäre das Paket ein Wesen, das sich demnächst bewegt. Natürlich weiß sie, dass es sich nicht bewegen wird. Es ist nicht größer als ein Buch, vielleicht eins über die Wüsten der Welt oder die Geschichte der Mode, in braunes Packpapier gewickelt und längs und quer zigfach verschnürt. So verzweifelt verschnürt, als dürfe das ­Paket niemals geöffnet werden. Sie will sich daran gewöhnen.

Bis zum Fest dauert es noch drei Monate. Inzwischen lächelt Mutter nicht mehr, wenn Jolie kommt.

Jolie kürzt die Hose von Herrn Fischbacher. Es ist eine neue Hose, sie riecht noch nicht nach Herrn Fischbacher, hat noch keine Sitzfalten. Er wird in dieser Hose an seinem Schreibtisch sitzen und Abhandlungen lesen, von denen Jolie nichts verstünde. Herr Fischbacher ist Baufachexperte. Die Simshöhe ihrer Fenster sei fragwürdig, hat er gesagt, als er die Hose brachte, »Ich bin Baufachexperte«. Jolie hat es ein paarmal nachgesagt, als er wieder draußen war. Was der Mensch alles sein kann.

Vor den Fenstern mit der fragwürdigen Simshöhe blüht die Linde. Deshalb lässt Jolie die Fenster zu. Vom Geruch der Blüten wird ihr ein bisschen übel. Sperma rieche so, hat jemand gesagt, aber Jolie kann sich nicht mehr an den Geruch von Adrians Sperma erinnern.

Eigentlich könnte Jolie ihr Atelier schließen. Sie braucht das bisschen Einkommen nicht, jetzt, wo Adrian reich ist. Das viele Geld, denkt sie manchmal. Hätte ich es früher gehabt, wäre ich vielleicht eine andere geworden, aber was solls. Ihr Atelier will sie nicht aufgeben. Hier ist sie mit dem Leben draußen verbunden. Herrn Fisch­bachers Hosenaufschläge oder Frau Grünigs aufgetrennte Abnäher sind ihre Verbindungen zur Welt. Sie sitzt an ihrem großen Nähtisch, im grünen Lindensommerlicht, und die Menschen, die sie lieb hat und gern lieb gehabt hätte, sitzen mit ihr in diesem Licht, mal dieser, mal jener. Taggespenster sind es, und Jolie hat nichts gegen ihre Anwesenheit, sie weiß, dass sie artig verschwinden, sobald die Türglocke läutet.

Die Linde ist älter als das Einkaufszentrum, in dem Jolie ihr Atelier gemietet hat, viel älter. Linden können ein paar Hundert Jahre alt werden, hat Frau Kuster gesagt. Frau Kuster lässt jeweils bei ihren Jacken die Schultern schmaler machen. Sie denkt, dass sie so zierlicher wirkt. Jolie müsste ihr sagen, dass das nicht stimmt, im Gegenteil, Frau Kusters Rücken sieht dann ringkampfmäßiger aus. Jolie kennt die Anatomie ihrer Kundschaft. Manche laufen nicht mit ihrem eigenen Körper herum, sondern mit dem, den sie gerne hätten. Das ergibt oft eigenartige Bewegungen. Jolie selbst sieht sich illusionslos. Schließlich ist sie tagaus, tagein mit einem großen Spiegel im selben Raum. Sie sieht aus wie ein Fräulein, adrett und einigermaßen langweilig. Hätten Napoleons Soldaten unter der Linde gelagert, wäre sie von ihnen weder begafft noch bepfiffen worden.

Immer samstags geht sie ins Heim und lässt sich von ihrer Mutter anschauen wie eine Fremde. Sie führt sie in die Cafeteria und sieht sich um, ob es nicht irgendwo noch liegt, Mutters verlorenes Lächeln, ob es nicht unter ein Regal gerollt ist und mit einem Stecken wieder hervorzuholen wäre. Es war ein schönes Lächeln, hat Jolie durch ihre Kindheit getragen wie eine sichere Schaukel. In der Cafeteria bestellt sie ­Apfelsaft für Mutter, denn diese Flecken gehen am besten raus.

Als Jolie sich entschloss, das Fest zu organisieren, lebte Mutter noch zu Hause, ließ sich von Vater waschen und kämmen und die Treppe runter in den nahen Park führen. Das war im letzten Herbst. Dann tat die Krankheit