: Katharina Gerwens
: Der letzte Streich Ein Krimi aus dem Bayerischen Wald
: Piper Verlag
: 9783492993081
: Bayerischer-Wald-Krimis
: 1
: CHF 8.00
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 352
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein Mittelalterfestival in Ortenburg! Dieses Spektakel wollen sich Kommissarin Franziska Hausmann und ihre Freundin Marie nicht entgehen lassen. Dass die Zeitreise zu einem Horrortrip wird, ahnen sie nicht. Am zweiten Tag passiert es:  Ein kostümierter Mann wankt auf Franziska zu, flüstert unverständliche Worte und bricht zusammen. In seiner Brust steckt ein Dolch. Bei dem Toten handelt es sich um ein Mitglied einer Gruppe gestresster Manager, die im Bayerischen Wald Entschleunigung suchen. Doch die werden sie am Ufer der Donau wohl nicht mehr finden, denn schon bald folgt die nächste Leiche ...

Katharina Gerwens wuchs in einem Dorf im Münsterland auf. Nach ihrer Ausbildung zur Journalistin arbeitete sie in verschiedenen Verlagen und ist heute als freie Autorin tätig. Sie lebt mit Mann und Katze in Niederbayern. Gemeinsam mit Herbert Schröger verfasste sie eine Reihe von Niederbayern-Krimis, die im fiktiven Ort Kleinöd spielen. Allein veröffentlichte sie bereits mehrere Krimis, unter anderem die Reihe um Franziska Hausmann, die im Bayerischen Wald spielt.

1. Kapitel


Franziska hätte tausendmal lieber auf die Ostsee geblickt und dabei ganz tief durchgeatmet. Stattdessen breitete sich nun vor ihrem Fenster das vertraute Postkartenpanorama des Bayerischen Waldes unter einem strahlend blauen Himmel aus. Denn Marie hatte sich durchgesetzt. Wie immer. Marie war die Genesende, und natürlich hatte sie recht, wenn sie nicht zu weit von ihrem Mann und ihren Ärzten entfernt sein wollte. Doch dieses Argument hatte letztendlich an zweiter Stelle gestanden. Maries E-Mail mit der Betreffzeile »Ein Mittelalterspektakel« hatte sie zusätzlich überzeugen sollen. »Genau da müssen wir hin! Das bringt uns auf andere Gedanken. Wir tauchen ein in die Vergangenheit und vergessen einfach alles.«

Zugegeben, es war die angenehme Vorstellung eines Abtauchens gewesen, die Franziska dazu gebracht hatte, nachzugeben. Verschwinden aus einer Gegenwart, die durch Maries Operation und durch Franziskas leeres Haus am Dachsberg überschattet wurde. Dabei ahnte sie schon, dass das Eintauchen in eine andere Welt nicht funktionieren würde. Allein Maries Flüstern – bei der Schädeloperation waren im Zuge der Narkose ihre Stimmbänder verletzt worden – war der hörbare Gegenbeweis, auch wenn sie lapidar darüber hinwegging. »Ich hab nur mal vorübergehend meinen eigenen Ton verloren«, pflegte sie zu sagen. »Und das ist längst nicht so schlimm, als sich gelegentlich darin zu vergreifen.«

Am Nachmittag hatten die beiden Frauen die Ferienwohnung am Waldeslustweg in Windorf bezogen, mit Panoramablick auf die schöne blaue Donau. Marie hatte sich für das Elternschlafzimmer entschieden, während Franziska sich im Kinderzimmer einrichtete. Angesichts der Plüschbären und der Holzeisenbahn in den Regalen fühlte sie sich unendlich alt, warf ihren Koffer auf das frisch bezogene Bett und räumte die Spielsachen in einen Schrank. Aus den Augen, aus dem Sinn. Sie und Christian hatten nicht einmal ein Kind gehabt. Nur die Katze Bella, und die residierte nun für eine Woche in einer Katzenpension.

»Pass gut auf meine Frau auf«, hatte Benno ihr ans Herz gelegt. »Marie ist das Wichtigste, was ich habe.«

Franziska biss sich auf die Lippen, als sie daran dachte, und verscheuchte eine Woge des Selbstmitleids. Dass sie damit nicht weiterkam, hatte sie ziemlich schnell begriffen. Einige Dinge waren nun mal für immer vorbei: Von ihr würde vermutlich kein Mann mehr behaupten, dass sie wichtig für ihn sei. Ihr Mann Christian war fort, und ihr Leben stand Kopf. Das klang, oberflächlich betrachtet, nach einer mit Geduld zu reparierenden Notlage, es bräuchte ja nur jemand zu kommen und alles wieder geradezurücken. In Wahrheit aber hatten sich die vergangenen Monate zu einer Katastrophe verdichtet, die sie sich nur in homöopathischen Dosen eingestand. Jeden Tag ein Gramm mehr.

»Sieh mal, wir tauchen ins Mittelalter ein, und da gab es deinen Christian noch gar nicht«, hatte Marie in Aussicht gestellt und dann damit begonnen, in einem Römertopf einen Schmorbraten anzusetzen, der angeblich so gehaltvoll war, dass man mindestens zwei Flaschen Wein dazu trinken musste. Franziska stapelte währenddessen ihre T-Shirts, Röcke und Freizeithosen in die Schrankfächer. Einen dicken Pullover legte sie beiseite. Sie würden heute Abend auf der Terrasse im Freien essen, mit Blick auf Lastkähne und Ausflugsdampfer, die auf der Donau Richtung Passau fuhren, u