: Laander Karuso
: Hoelderlin Roman
: Periplaneta
: 9783959961240
: Edition Periplaneta
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 188
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Seit ihn vor sechs Jahren seine große Liebe verlassen hat, versucht Hoelderlin, sich mit allen Mitteln zu zerstören. Er raucht, trinkt, schläft nicht mehr richtig und er verabscheut seine Mitmenschen wegen ihrer Macken und falschen Wertvorstellungen. Seine einzige Freundin ist Facebook. Ihr teilt Hoelderlin seine Sorgen mit, schickt seine bedeutsamen Gedanken in das World Wide Web hinaus, im Wissen, dass sie niemanden interessieren, nicht einmal die NSA. Doch Hoelderlin will sich ändern, glücklich sein. Aber kann sich ein zynisches Arschloch wie er mit dieser verkorksten Welt arrangieren? 'Karuso exerziert eine in ihrer Schonungslosigkeit gleichermaßen schockierende, wie begeisternde Bestandsaufnahme von Bedingungen eines bewussten Scheiterns und Entsagens und lässt ein Ich erzählen, dessen Verhältnis zur Welt durch den Begriff 'Enttäuschung' allein nicht annähernd mehr zum Ausdruck zu bringen ist. Dieser Episoden-Roman ist weit mehr als Hyperion 2.0.' Wehwalt Koslovsky, Poetry Slam-Weltmeister 2000 'In 'Hoelderlin' geht Laander Karuso im Gegensatz zu vielen anderen Autoren nicht den Weg des geringsten Widerstands. Er schafft es, dass der Leser den Protagonisten immer wieder hassen möchte, vielleicht grade weil man sich beim Lesen immer wieder aufs Neue ertappt fühlt. Denkt man nicht oft die gleichen Dinge?' Jessy James LaFleur, Spoken-Word-Künstlerin

Laander Karuso (*1986) ist ein Schreiber, Musiker und Slam-Poet. Karuso ist Poetry Slam Stadtmeister von Magdeburg (2015), Sachsen-Anhalt Vizemeister im Poetry Slam (2014), zweimaliger Titelgewinner des LIMA Lesebühnenwettbewerbs 2015, 2016 und gewann 2014 die Sachsen-Anhaltiner Landesmeisterschaft im Song Slam. Beim Label frogrocks records erschien 2016 sein Debutalbum 'Co?? ?n, ?????!' laanderkaruso.wordpress.com

Ein echter Kotzbrocken


25. Januar, 01:25 Uhr

Hätte ich nur jedes Mal einen Cent bekommen, wenn jemand über mich sagte »Der hat die Arbeit ja nicht gerade erfunden«. Dann hätte ich jetzt das Geld, eine Firma zu gründen und Angestellte zu beschäftigen, die mir dann jeden Tag ihre Arbeitsmoral unter Beweis stellen könnten. Die Deutschen mit ihrer gottverdammten Arbeitswut! Die Arbeit nicht erfunden zu haben kommt einem Verbrechen gleich. Aber was soll daran schlimm sein? Ist Arbeit neuerdings irgendwie etwas Gutes und ich habe es als Einziger nicht mitgekriegt? Ist Arbeit neuerdings nicht mehr anstrengend, muss man nicht mehr früh morgens aufstehen, muss man sich nicht mehr in einem halbfaschistoiden Selektionsverfahren mit anderen messen lassen und seinem Arbeitgeber in jeder Hinsicht willfährig sein? Komm früher, bleib länger, arbeite härter, pausiere weniger, lutsch die Schwänze der Bosse besser! Ich hege große Bewunderung für jeden, der die Arbeit nicht erfunden hat. Es sollte einen internationalen Feiertag für uns geben mit einer großen Parade. Wir – ausgeruht, gutgelaunt und zufrieden – würden lächelnd an den Lohn-und-Brot-Sklaven vorbeimarschieren und ihnen zuwinken. Ich hasse Arbeit so sehr, ich würde die Arbeit investieren, eine Zeitmaschine zu bauen, und dem Menschen, der gerade die Arbeit erfinden will, seinen verfluchten Schädel einzuschlagen. Damit würde ich zwar vermutlich die gesamte Menschheit, inklusive mir, vernichten, aber irgendwie kann ich daran auch nichts Schlimmes finden.

Ich breite meine Decke zwischen den vielen Straßenkünstlern, Musikern und lebenden Statuen aus und setze mich darauf. Menschen ziehen an mir vorbei, beobachten mich interessiert bei meiner Vorbereitung. Ich führe jede Bewegung betont langsam aus, gebe mich künstlerisch, versuche, ein Mysterium um mich herum aufzubauen. Eine Menschentraube bildet sich vor mir. Sie beäugen mich erwartungsvoll.

Was wird er gleich tun?

Als das Vortäuschen der Einstimmung auf eine unterhaltsame Darbietung abgeschlossen ist, hole ich ein Pappschild aus meinem Rucksack und beschrifte es mit einem Filzstift: »Ich will kein Geld, ich tue das nur für EUCH!« Ich stelle das Schild neben meinen Platz und warte. Als der perfekte Moment gekommen scheint, richte ich das Wort an die Versammlung vor mir: »Geht shoppen, ihr Fotzen! Der Kapitalismus braucht euch.«

Mit dutzendfach kundgetaner Empörung löst sich die Traube auf. Ein korpulenter Mann geht an mir vorbei. Er schnauft laut, das Gehen – selbst in moderatem Tempo – bereitet ihm große Anstrengung. In der Hand hält er eine braune Papiertüte. Im Vorbeigehen sucht er eine Pappschachtel aus der Tüte, öffnet diese und holt einen Hamburger hervor. Der Burger sieht nicht im Entferntesten so aus wie das Bild auf der Schachtel.

»Hey Fettarsch!«, rufe ich ihm zu. Er dreht sich verwundert zu mir.

»Du kannst es nicht abwarten, in die Kiste zu springen. Das verstehe ich. Aber warum müssen andere mit dir leiden?« Ich deute auf seinen Hamburger. »Mit deinem Scheißfraß förderst du nicht nur die Verkalkung deiner Arterien, sondern auch Umweltzerstörung, Tierquälerei, Lohndumping und den Welthunger. Nimm dir einfach ’nen Strick und lass den Rest der Welt in Ruhe.«

Entgeistert sieht er mich an, unsicher, wie er jetzt reagieren soll. Er entscheidet sich schließlich dazu, mich Arschloch zu nennen und sich zum Gehen zu wenden. Nach einigem Hader