: Karin Firlus
: Smartphone, Sorgen und Salbei
: epubli
: 9783746793252
: 2
: CHF 4.40
:
: Erzählende Literatur
: German
: 100
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Sie sind zu alt und zu teuer für diese Firma!' Diesen Satz knallt Irenes Chef ihr vor den Latz, einen Tag nach ihrem 55. Und er droht damit, sie wegzurationalisieren. Für Irene eine existentielle Bedrohung, denn ohne Partner oder Familie ist sie auf ihr Gehalt angewiesen. Mehr noch, ihre Mutter dümpelt in einem Heim in einer Welt des Vergessens vor sich hin; von dort ist keine Unterstützung zu erwarten. Und wie soll sie in ihrem Alter noch eine andere bezahlte Arbeit finden, von der sie leben kann? Aber nach fast 30 Jahren arbeiten mit 57 auf Hartz IV... Rein theoretisch könnte ihre Tochter ihr helfen, aber Irene hat zu Sabine ein sehr distanziertes Verhältnis. Hilfe von ihr anzunehmen ist absolut keine Option. Geldmangel, Einsamkeit und das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden - sieht so ihre Zukunft aus? Diese Aussicht stürzt Irene in eine tiefe Krise - schafft sie es, sich daraus zu befreien? Allein? Tapfer kämpft sie gegen die Schikanen ihres Chefs an, der mit allen Mitteln versucht, sie loszuwerden. Und stolpert und fällt und entwickelt eine Krankheit nach der anderen - bis das Blatt sich wendet.

Karin Firlus war Übersetzerin und unterrichtete Englisch und Wirtschaftsenglisch. Vor einigen Jahren trat sie beruflich kürzer und entdeckte die Welt des Schreibens, die sie seither nicht mehr losließ. Sie lebte mit ihrem Mann in einer der ältesten Städte Deutschlands, Speyer. Sie verstarb im Jahre 2019.

 

Mitte Oktober

 

Mir war nicht klar, dass Älterwerden bereits diesseits der sechzig anfängt. Natürlich geschieht das nicht mit einem Paukenschlag. Ich wachte nicht eines Morgens mit schmerzenden Gelenken auf und dachte: Jetzt werde ich alt. Es sind vielmehr die subtilen Details, die sich fast unbemerkt einschleichen und in meinem Leben festsetzen wie die Kalkablagerungen in meinen Venen.

   Ich sitze in einem Café und warte auf mein bestelltes Frühstück. Es ist ein gewöhnlicher Arbeitstag im Oktober, ich habe meinen jährlichen Routinetermin beim Zahnarzt hinter mich gebracht und nun das Gefühl, mich für diese Heldentat belohnen zu dürfen. In einem Anfall von leichtsinniger Erleichterung habe ich beschlossen, nicht gleich ins Büro zu hetzen und den täglichen Wettlauf mit der nicht enden wollenden Arbeit aufzunehmen, sondern in einem Café gemütlich zu frühstücken. Schließlich habe ich mir vorsichtshalber bis elf Uhr freigenommen und jetzt ist es erst kurz vor neun. Noch während ich forsch meine Schritte in Richtung Café lenkte, debattierten mein Kopf und mein Bauch miteinander.

   Mein Kopf sagte: „Du weißt doch genau, wie viele unerwünschte Kalorien du dir damit einverleibst! Ein Spaziergang an der frischen Luft täte dir jetzt besser.“ Mein Bauch sagte: „Tu’s einfach und genieß‘ es!“

   Ich ignorierte die Stimmen und setzte mich an den letzten freien Fensterplatz, so als sei dies selbstverständlich, mitten unter der Woche einfach frühstücken zu gehen. Aber schließlich war gestern mein Geburtstag, ein halbrunder sozusagen, und ich habe nichts besonders Schönes oder Außergewöhnliches unternommen. Das hole ich jetzt nach.

 

Ich sehe mich in dem Raum um und stelle fest, dass ich mitnichten die Einzige bin, die an diesem Vormittag im Café sitzt, um sich eine Auszeit zu gönnen. Ich scanne die Männer und Frauen an den anderen Tischen und stelle fest, dass sie sehr zufrieden dort sitzen und mir den Eindruck vermitteln, als täten sie das öfter oder zumindest, als müsse man kein schlechtes Gewissen haben, wenn man mitten am Morgen da sitzt und nichts arbeitet. Oder haben die alle Urlaub?

   Ich entspanne mich nur zögerlich; irgendwie habe ich doch ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht sofort ins Büro geeilt bin. Aber da kommen mein Croissant, ein doppelter Espresso und ein stilles Wasser. Ich rühre einen Kaffeelöffel voll Zucker in mein schwarzes Heißgetränk, trinke einen Schluck Wasser und beiße genüsslich in das noch warme, knusprige Blätterteigteilchen. Ah – lecker!

   Während meine Geschmacksnerven mit Glücksbotschaften um sich werfen, hat mein Kopf Denkpause. Aber sobald Teller und Tasse leer sind, wartet noch immer das fast volle Glas mit dem zu kalten Wasser darauf, geleert zu werden. Schnell hinuntertrinken kann ich es nicht, das tut im Magen weh. Und plötzlich fällt mir ein, dass meine Mutter seit Jahren über das eiskalte Wasser klagt, das man in Restaurants serviert bekommt. ‚Oh nein‘, denke ich, ‚jetzt werde ich schon wie sie‘!

 

Ich habe vergessen, die Tageszeitung einzustecken. So sitze ich vor meinem zu kalten Wasser und kann nichts lesen. Rauchen darf man ja heutzutage auch nicht mehr in geschlossenen Räumen, das hätte zumindest meine Finger und meine Lunge beschäftigt. In Ermangelung einer sinnvollen Tätigkeit und innerlich nun doch ziemlich gehetzt, lasse ich meinen Blick also wieder durch