1. Welchen Nutzen haben die Übungen, und wie kann man sie einsetzen?
1.1 Für wen sind die Übungen gedacht?
Dieses Buch ist als Hilfe für Menschen gedacht, die mit posttraumatischen Symptomen und Störungen konfrontiert sind. Dies sind die Betroffenen selbst, aber auch Angehörige, Freunde oder professionelle BegleiterInnen im Rahmen der Traumapädagogik und -therapie und TherapeutInnen. Wir wollen also zum einen Betroffenen Erklärungen und Handlungsideen an die Hand geben, die ihr Leben verbessern können. Zum anderen richtet sich dieses Buch aber auch an therapeutisch arbeitende Menschen, die nach konkreten Übungen für die Stabilisierungsphase einer Traumatherapie suchen.
Wir haben eine Vielzahl an Übungen zusammengestellt, unspezifische und spezifische Interventionen, die sich entlang der Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung orientieren. In denKapiteln 3–10 beleuchten wir zusätzlich den jeweiligen Hintergrund dieser Symptomatik. In den entsprechenden Übungsangeboten versuchen wir, der Unterschiedlichkeit von Menschen gerecht zu werden. Deshalb finden Sie für jede Symptomatik Übungen mit jeweils drei Zugangswegen: kognitiv, imaginativ und Übungen, die den Körper nutzen.
In Kapitel 11 geht es um die Aktivierung der eigenen Stärken und Ressourcen, und für den Anhang haben wir für einige der kognitiven Übungen Arbeitsblätter und weitere Materialien zusammengestellt. Im Anhang finden Sie außerdem Informationen zur Therapieindikation und Therapieplatzsuche.
Traumatisierungen erschüttern innere Grundüberzeugungen. Sie haben Auswirkungen auf das Sicherheitsempfinden und die subjektive Kontinuität des Lebens. Hier erfolgt ein Bruch. Es ist, als bliebe ein Teil der Person wie erstarrt in der Traumatisierung hängen und erwartet nun, dass in Zukunft alles schlecht laufen wird. Es besteht eine starke Sehnsucht, wieder so „wie früher“ (vor der Traumatisierung) zu werden, so, als wäre es möglich, das Ereignis einfach ungeschehen zu machen. Teilweise sind das auch die Hoffnungen und Erwartungen des Umfelds.
Das ist leider nicht möglich, egal, wie sehr sich jemand anstrengen mag. Die Erfahrung der Traumatisierung verändert schlagartig das Denken, Fühlen und die Physiologie. Die Traumafolgesymptome (wie Intrusionen, Vermeidung, Über- und Untererregung) führen zu Veränderungen, die die Betroffenen sehr belasten. Dieser Zustand ist nachvollziehbarerweise nur schwer auszuhalten.
Die gute Nachricht ist: Man kann einen der aktuellen Situation angemessenen und gleichzeitig angenehmeren Zustand erreichen. Das Leben wurde durch eine traumatische Situation schwer beeinträchtigt, aber mit den Stabilisierungsübungen möchten wir eine praktische Hoffnung vermitteln, dass es wieder ins Lot kommen kann. Es ist möglich, die traumatische Erfahrung zu verarbeiten, sie zu integrieren und eine neue Lebensqualität zu gewinnen. Es gibt sogar manchmal Entwicklungen, die als posttraumatisches Wachstum oder posttraumatische Reifung („post-traumatic growth“) bezeichnet werden. Calhoun& Tedeschi (in Zöllner et al. 2006) benennen fünf potenzielle Bereiche persönlichen Wachstums oder Reifung als Folge von Traumatisierungen:
- Eine intensivierte Wertschätzung des Lebens mit einem veränderten Bewusstsein für das Wesentliche;
- eine Intensivierung