: Maike Voß
: So sieht es also aus, wenn ein Glühwürmchen stirbt
: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
: 9783423435260
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 336
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
#sexwiththebest Viola und Leon sind beste Freunde - bis sie nach einem gemeinsamen Konzertbesuch die Nacht miteinander verbringen. Für Leon ist dies die Erfüllung all dessen, was er sich heimlich ersehnt hat. Doch Viola packt die Panik, dass sie wie früher wieder nur auf jemanden hereingefallen sein könnte. Am Morgen verlässt sie deshalb ohne Nachricht Leons Wohnung. Doch Leon kann und will Violas Verschwinden nicht so einfach hinnehmen und versucht herauszufinden, warum sie vor ihm wegläuft.

Maike Voß lebt in Hamburg, ihre Herzensstadt ist London. Wenn sie nicht an neuen Romanen schreibt, steckt ihre Nase in einem. Ihre Reisen durch Städte und Bücher teilt sie über Instagram (maikevoss_). Die Autorin steht für Veranstaltungen zur Verfügung.

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Sie


Es ist Ende Februar. Langsam, oder besser endlich, wird es kalt, darauf habe ich schon seit November gewartet. Aber ich friere nicht, habe meinen Mantel zugeknöpft und meinen Schal um den Hals geschlungen, eine Hand in der Manteltasche, die andere in seiner. Seine Finger sind mit meinen verschlungen, ganz so, als wären sie es jeden Abend. Es ist spät und die Straßenlaternen leuchten.

»Hat es dir gefallen?«, fragt er, seine Stimme eine ganz leichte Spur rau, sodass man es nur hört, wenn man darauf achtet, und sein Atem riecht nach Rauch von den gelegentlichen Zigaretten.

»Ja, es war wirklich … toll«, sage ich.

Nicht die beste Wortkombination, keine Antwort auf die ich stolz sein kann, aber er nimmt es mir nicht übel.

Er liebt mich, so einfach ist das. Deswegen übersieht er auch, dass ich nicht mehr alleine bin, sondern mich der Alkohol begleitet, der sich schon lange mit meinem Blut vermischt hat. Daher achte ich im Moment eher auf meine Füße als auf meine Artikulation.

Ich glaube nicht, dass er es überhaupt mitbekommen hat, wie ich mir an der Bar des Docks ein Glas Wein – oder waren es zwei? – genehmigt habe, als er sich nach dem Konzert entschuldigte, um das Männerklo aufzusuchen. Der Barkeeper – Tunnel, Tattoos, so ein richtiger Barkeeper eben – hat nicht einmal ’ne Augenbraue hochgezogen, als ich die Gläser hinunterstürzte und dann wortlos einen20-Euro-Schein auf den Tresen legte. Hier in Hamburg ist das nicht ungewöhnlich. Hier nicht. Zeit ist Geld, jedes nette Wort Verschwendung, oder es wird fälschlicherweise als Flirt bezeichnet. Ganz nach dem Motto: Warum sollte ich nett zu dir sein, wenn ich nicht mit dir ins Bett will? Es geht nur darum, oder nicht? Aber gleichzeitig lesen wir Bücher von Nicholas Sparks und wollen das, wasdie da haben.

»Obwohl ich mich kaum auf die Band konzentrieren konnte«, sagt er und ich komme aus meinen Gedanken heraus und sehe wieder meine Füße.

»Wieso? Wir standen doch ganz vorne.« Ich merke, wie der Druck seiner Finger ein bisschen stärker wird, und obwohl ich weiß, was er damit bewirken will, muss ich lächeln.

Es müssten nur noch ein paar Minuten bis zu ihm sein, genau weiß ich es aber nicht. Obwohl ich in Hamburg geboren und aufgewachsen bin, habe ich keinen Orientierungssinn und schaffe es eher mit Beschreibungen von Häusern, Bäumen und Brücken, den Weg zu finden, statt anhand von Straßennamen. Wir sind mit der U2 bis zur Station Rauhes Haus gefahren und jetzt Richtung Tierheim unterwegs. Gerade gehen wir über irgendeine Brücke auf die andere Seite eines Flusses, dessen Namen ich nicht kenne. Weit kann es nicht mehr sein.

Er bleibt stehen. Es ist romantisch, mitten auf der Brücke, allein, der ausnahmsweise klare Himmel mit den leuchtenden Sternen über uns, und er steht vor mir und schaut mich an. Er will mir mit seinem Blick sagen, um was es ihm geht, dass er mich liebt und dass ich es ihm doch endlich glauben soll. Dass ich ihm vertrauen kann.

Ich liebe, was er in mir auslöst, dass er mich für ein paar Minuten vergess