: Anna Schatz
: Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen Mein Leben mit einem unerfüllten Kinderwunsch
: Rowohlt Verlag Gmbh
: 9783644405332
: 1
: CHF 10.00
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: Angewandte Psychologie
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Buch für alle, die ungewollt kinderlos sind - offen, deutlich und mit Humor. Anna Schatz wünscht sich wie viele Frauen schon lange ein Kind. Und wie so viele ist sie mit mitleidigen Blicken, gutgemeinten Hinweisen und Ratgebern konfrontiert. Aber was ist, wenn es einfach nicht klappt? Wohin mit der Wut, der Trauer? In ihrem Buch erzählt sie, wie demütigend es sein kann, Patentante zu werden und wieviel Kraft es kostet, beim Gynäkologen von fröhlichen Schwangeren umringt zu sein. Sie trifft dabei genau den Ton, den dieses hochemotionale Thema braucht. Anna Schatz blickt ehrlich, offen und auch mit Humor auf eine Lebenssituation, in der sich immer mehr Frauen wiederfinden, und bietet damit eine wohltuende Alternative zu den üblichen Ratgebern.

Anna Schatz, geboren 1981, ist Autorin und lebt in Hamburg.

MUTTER DER NATION


Als ich noch ganz klein war, so knapp über Esstischhöhe, wollte ich unbedingt ein Junge sein. Vielleicht, weil ich meinen großen Bruder glühend verehrte oder weil ich einfach ein wenig emotionales, mädchenaffines Zuhause hatte. Ich spielte zwar mit Puppen, aber nie die klassische Mutter-und-Kind-Version; meine armen Puppen mussten stattdessen ständig in die Schule gehen. Der Wandkalender in meinem Kinderzimmer zeigte keine Tierbabys oder Trickfilmhelden, sondern Bilder von Kindern aus fremden Kulturen.

Da ich sehr früh lesen konnte, blieb mir nicht verborgen, dass Kinder in anderen Kulturen oft in sehr schlimmen Situationen aufwuchsen. Mein bester Freund zu Kindergartenzeiten war in Thailand geboren und zur Adoption freigegeben worden, und ich stellte mir oft vor, wie es wäre, ein Kind wie ihn aus dem Heim zu retten. Die Kalender vonTerre des Hommes oderBrot für die Welt taten ihr Übriges, dazu saugte ich Zeitungsartikel über Kinderarbeit regelrecht auf – ich malte mir oft aus, wie es wohl war, in diesen fremden Welten zu leben, versuchte nachzuempfinden, was ein Kind brauchte, um wieder Vertrauen zu fassen zu den Erwachsenen.

Daran, selbst Mutter zu werden, dachte ich damals noch gar nicht. In meiner Phantasie war ich entweder ein aus der Teppichfabrik geflohenes Kind oder unterrichtete als Erwachsene gerettete Kinder. Ich liebte meine Puppen und Kuscheltiere und dichtete ihnen Charaktereigenschaften an, als wären sie Menschen – und je älter ich wurde, desto wichtiger wurde es in meinen Spielen, sie zu beschützen vor Gefahren, die ich selbst nicht benennen konnte. Daraus reifte nach und nach der Wunsch, später einmalSOS-Kinderdorf-Mutter zu werden. Darüber sprach ich mit niemandem – ich befürchtete, mein Umfeld könnte diesen Wunsch nicht ernst nehmen oder als Hirngespinst abtun. Und kaum etwas verletzte mich in meiner kindlichen Seelenwelt mehr als Spott oder Herablassung in Bezug auf die Dinge, die mich wirklich beschäftigten.

Konkreter wurde mein «exotischer» Berufswunsch, als mein Frauenarzt mir erklärte, ich könne keine Kinder bekommen. Nun ja, so eine Information kann man, wenn man sechzehn ist, nicht wirklich in ihrer ganzen Tragweite erfassen. Ich nahm sie zur Kenntnis, zumal ich wusste, dass man dieselbe Diagnose auch meiner Mutter gestellt hatte. Daran, dass ich ihre Tochter bin, merkt der aufmerksame Leser, dass derlei Auskünfte allerdings nicht unbedingt in Stein gemeißelt sind.

Mit siebzehn Jahren wurde bei mir Brustkrebs vermutet – ein Verdacht, der sich zwar glücklicherweise nicht bestätigte, den Wunsch, Mutter zu werden, aber auch nicht gerade befeuerte. Ohnehin wurden jetzt andere Dinge wichtiger – ich zog zu Hause aus und bei meinem Freund ein und führte plötzlich ein «Doppelleben» als Schülerin und Hausfrau.

Mittlerweile wusste ich, dass man alsSOS-Kinderdorf-Mutter mindestens 35 Jahre alt sein musste – bis dahin war es also nochewig. Doch je länger ich mit