Ein Auftrag
Der junge Mann am Besuchertischchen wirkte schüchtern, aber ohne dass er etwas tun oder sagen musste auch charmant. Hätte man die Chefsekretärin gefragt, sie hätte den Besucher als „schnufflig“ bezeichnet. Er sprach die Mutterinstinkte an, vielleicht wegen seines treuen Dackelblickes, oder wegen der Strubbelfrisur, oder wegen des unbekümmerten Lächelns, wegen seiner heiteren Erscheinung insgesamt. Wenn Alfred lächelte, waren Frauen generell bereit, ihn zu beschützen, zu verköstigen und in die Arme zu schließen. Nun saß er schon geschlagene anderthalb Stunden im Vorzimmer des Brauereichefs und wartete darauf, endlich in das Chefbüro vorgelassen zu werden. Schließlich hatte er einen Termin. Schließlich war er eingeladen worden. Aber die „Herren“, die sich laut Sekretärin noch dort drin befanden, hatten Wichtiges zu besprechen, ließen sich Zeit.
„Es ist ganz ungeschickt heute, ganz ungeschickt“, klagte die Chefsekretärin mehrfach und bedachte Alfred mit mitleidigen Blicken. „Wollen Sie es nicht ein anderes Mal probieren. Wir können einen neuen Termin vereinbaren?“
Ursula Lang, die Chefsekretärin im Vorzimmer von Brauereivorstand, gab sich alle Mühe, den Besucher bei Laune zu halten. Kaffee hatte sie bereits besorgt, Mineralwasser ebenso, einige ältere Ausgaben der Branchenzeitschrift „Brauerei Forum“, eine farbige Broschüre vom Besucherzentrum der Rothausbrauerei, einen Flyer von der Brauereigaststätte, und zwischendurch immer wieder ihre besorgte Frage: „Wollen Sie noch warten? Es ist sehr ungeschickt heute, es kann noch länger dauern.“
Was denn so „ungeschickt“ an diesem Tag war, mochte sie ihm nicht anvertrauen. Alfred fand es auch nicht heraus, wenn er bei ihren zahlreichen Telefonaten die Ohren spitzte. Wenn aus anderen Büros Besucher hereinschauten und ihn am Besuchertisch wahrnahmen, brachen sie ihre Gespräche schnell ab, unterhielten sich nur noch im Flüsterton oder verkündeten bedeutungsschwer: „Ich komme später noch mal, dann reden wir über alles ...“ Jedenfalls blieb Alfred ahnungslos zurück. Nur soviel stand fest: Irgendein ganz außergewöhnliches Ereignis beschäftigte die Brauerei. Zwar hatte Alfred bei seinem Eintreffen die vielen Polizeiautos auf dem Gelände der Brauerei bemerkt, und auch die ratlosen, aufgeregten und erhitzen Gesichter der Menschen waren ihm aufgefallen, doch er konnte sich keinen Reim darauf machen. War vielleicht ein Unglück passiert?
Alfred beobachtete mit heiterer Gelassenheit die freundliche Sekretärin. Er hatte keine Eile. Sie sortierte Post, heftete Blätter in Ordner, tackerte auf ihrem Computer herum und wimmelte am Telefon fast sämtliche