Der braune Farbtupfer saß. Der Aquarellkasten klapperte, als ich mit dem kleinen, von der braunen Farbe gesäuberten, Pinsel in die hellblaue Farbe tauchte. Die Farbe stimmte. Mit rasantem Schwung malte ich einmal quer über das Aquarellblatt und ließ allmählich einen kleinen See entstehen. Der braune Tupfer prangte jetzt als stilisiertes Bäumchen am äußersten rechten Uferrand. Weitere Bäumchen sollten sich noch dazu gesellen – aber es kam nie dazu ...
Versunken in meiner Komposition summte ich vor mich hin und gestaltete nach und nach eine Winterlandschaft. Das Aquarellblatt begann „lebendig“ zu werden und die Wasserfarben spielten mit. Sie flossen ineinander, verselbstständigten sich. Mein Summen wurde schwungvoller und lauter. Ich freute mich auf das Ergebnis. Es sollte die erste von ungefähr 12 Karten werden, die ich an die Familie und Freunde als persönliche Weihnachtskarte für dieses Jahr 1997 verschicken wollte.
Ich tauchte den Pinsel kurz ins Wasserglas, nahm nun Gelb auf und wollte es als sanften Hauch einer Sonne, etwas rechts über dem Bäumchen, erscheinen lassen. Ich setze an, aber das Gelb wollte nicht so wie ich. Es zerlief und in mir zischte eine Woge der Unmut hoch. „Mist! Das wird nichts! Das sieht blöd aus!“, fauchte ich vor mich hin und nahm sogleich ein Papiertuch, um das Malheur wegzutupfen. Mein Blick überflog das Bild und ich spürte, wie die Perfektion liebende Jungfrau in mir rebellierte. Nichts fand ich an dieser horizontal gestalteten Aquarellkomposition auch nur im Ansatz anziehend, peppig oder wirkungsvoll. Verärgert betrachtete ich das eigenständige „Treiben“ der Aquarellfarben auf dem mal hier nassen, mal dort trockenen Flächen auf dem Papier und meine Miene sprach Bände. Nein, das Bild war nichts!
So schlimm war das ja nicht, man malt eben ein neues. Hatte ich doch bisher unzählige Bilder in Aquarell, Pastellkreide und sogar Öl gemalt, da mich die Malerei seit meinem 14. Lebensjahr begleitete. Meine Eltern haben meine Gabe immer unterstützt, was dazu führte, dass bei uns zu Hause etliche meiner Werke an den Wänden hingen und stolz den Besuchern präsentiert wurden. Ich malte schon immer in kräftigen Farben und hatte eine sehr eigene Art der Komposition von Bildern. Meine Motive waren meistens Blumen, Landschaften und Tiere, Menschen gar nicht, da wagte ich mich nicht heran.
Nun saß ich also vor diesem kleinen missratenen Bild und wollte just genau das tun, was ich in einem solchen Fall immer tat: zerknüllen und wegwerfen. Also löste ich mithilfe eines Brieföffners das Blatt von dem gummierten Rand des Aquarellblocks. Ich stach in die kleine, nicht gummierte Ecke des Blocks und schob den Brieföffner am Rücken des Bildes entlang. Das Bild löste sich. Meine Hände setzen zum Zerknüllen an, als mich etwas genau in diesem Augenblick stocken ließ. Ich „hörte“ etwas. Es war wie ein Befehl. Es sagte: „Dreh das Bild um!“
Ich erschrak. Ich kann es nicht in Worte fassen, was es war, aber ich musste dem folgen, weil es so eindringlich klang. Ich drehte das horizontal gemalte Bildchen in die Vertikale. Meine Augen suchten nach dem, was ich finden sollte, aber es gelang mir vorerst nicht. Ich schüttelte mit dem Kopf und fragte mich: „Was soll das?“
Als Jungfrau geborene, mit Aszendent Jungfrau, sagte mein analytisches, realistisches, kritisches Denken: „So ein Blödsinn!“ – Aber es ließ mir dann doch keine Ruhe. Ich betrachtete das kleine Bild nun von allen Seiten und dann endlich erkannten meine Augen im Zusammenspiel der Farben - schemenhaft, fast durchsichtig - die Andeutung einer Gestalt. Und was für eine! Ich musste mich schon sehr anstrengen, um sie richtig zu sehen. So zart, kaum wahrnehmbar. Ich war in diesem Augenblick tief berührt, aufgeregt und auch fassungslos! Wie konnte das geschehen? Ich malte eine kleine Winterlandschaft und es zeigt sich eine Gestalt! Wie geht das? Ich bin bis heute nicht dahintergekommen …
Um die Gestalt nun wirklich sichtbar zu machen, nahm ich den Pinsel und ließ sie mit ganz vorsichtigen Pinselstrichen mehr und mehr hervortreten. Es zeigte sich nun eindeutig ein Engel! Der See, den ich gemalt hatte, formte am Engel das Kleid. Das braune Bäumchen am Ufer zierte den Ansatz an der Schulter für einen der Flügel, und der Kreis der Sonne bildete die obere Rundung dazu. Mit hellem Braun umrahmte ich den Kopf als Haar, zog die Konturen mal hier, mal da fein nach und erblickte am Ende einen wunderschönen Engel. Zumindest glaubte ich das in diesem Augenblick. Diese zarte Gestalt war so sanft und anmutig, dass man das Gefühl hatte, sie würde sich gleich wieder auflösen – aber … sie blieb.
Motiviert durch diese Erscheinung spürte ich einen inneren Druck, weitere Engel zu malen. Ich skizzierte nichts, ich malte einfach drauf los und es entstand ein Engel nach dem anderen. Ich war verblüfft, als mein Tisch am Ende dieses Tages von 15 Engelbildern belegt war. Jeder Einzelne anders, in Farbe, Haltung und Ausstrahlung. Alle ohne Gesichter, zart und engelhaft.
Ich betrachtete sie mit Stolz und war hingerissen von ihrer Wirkung. Und das Unerklärliche war, dass es mir überhaupt nicht bewusst war, wie ich sie gemalt hatte. Ich meine damit, ich hatte mir vorher keine Gedanken gemacht, wie ich den einen oder anderen malen werde: wie er aussehen soll, welche Haare er haben sollte, welches Gewand, welche Haltung. Nein, nichts davon. Ich kann es schwerlich erklären, aber ich „sah“ die Engel, bevor sie entstanden, als Andeutung in der Aquarellfarbe. Dazu brauchte ich nur auf das Aquarellblatt zu schauen und ich erkannte das Köpfchen. Vom Köpfchen aus entwickelten sich die Flügel und das Gewand. Alles wie von Zauberhand. Daher sage ich mir immer: „Die Engel werdendurch mich gemalt und nichtvon mir.“ Es ist so, als ob ich geführt werde, und ich führe es nur real aus. Anders kann ich es nicht erklären.
Diese Begegnung vor so vielen Jahren war die Initialzündung zur völligen Veränderung meiner Gabe zum Malen. Ich malte von da an nur noch Engel. Alle unterschiedlich in ihrer Wirkung und Aussage. Bis heute ist es so geblieben, dass ich esweiß, wenn sich ein Engel auf dem Malblock zeigen möchte. Ich spüre dann einen Druck, der immer stärker wird, bis ich die Muße finde, meine Malutensilien herauszuholen. Man könnte es so erklären, dass es eine Art telepathische Verbindung ist, die mich „ruft“, um das Bild zu beginnen. Es kommt auch vor, dass ich gerade nicht an meinem Maltisch sitze, der Druck aber so groß ist, dass ich irgendwas nehmen muss, was gerade vor mir liegt, um die Eingebung zu skizzieren. Es gibt aber auch Zeiten, in denen absolute Ruhe herrscht, kein Druck da ist und ich keine Engel male. Das können manchmal Monate sein, in denen sich kein Engel „zeigt“, und dann kommt plötzlich wieder der Ruf und ei