Der Zeitoptimierer
Es lebte einmal vor langer, langer Zeit in einem Land, das heute fast niemand mehr kennt, ein Junge, fast schon ein junger Mann, aber eben nur fast. Er hieß Morlo Orin Irus. In der Sprache des Landes hieß das „der die Zeit optimiert“. Denn das war es, wonach die Menschen sich damals am meisten sehnten. Alle hatten immer so viel zu tun, dass sie sich wünschten, die Minuten hätten mindestens doppelt so viele Sekunden, als sie eigentlich haben, und die Stunden hätten mindestens doppelt so viele Minuten, als es in Wirklichkeit gibt, und der Tag hätte mindestens doppelt so viele Stunden und so weiter. Es gab viele Erfindungen damals, mit denen man die Dinge schneller erledigen oder immer mehr Sachen gleichzeitig machen konnte. Die Erfinder waren wichtige Leute, die von jedem hoch geachtet wurden. Und hoch geachtet werden, das wollte schließlich jeder. Man konnte sich Achtung und Ansehen aber auch durch anderes erwerben, nämlich dadurch, dass man möglichst viele Dinge gleichzeitig schaffte. Alle Leute arbeiteten viel und versuchten, ihre Arbeit so zu verrichten, dass es möglichst schnell ging: mit schnellen Maschinen oder dadurch, dass sie versuchten, überall gleichzeitig zu sein oder mit möglichst vielen anderen Geschäftsleuten gleichzeitig zu verhandeln. Und sogar in ihrer freien Zeit versuchten sie, so viel gleichzeitig zu schaffen, wie sie konnten, indem sie viele Freunde auf einmal trafen und mit ihnen zusammen so viele Feste wie möglich besuchten oder so viel Sport, wie sie nur konnten, trieben. Und wenn sie am nächsten Tag bei der Arbeit erzählten, bei wie vielen Veranstaltungen, Versammlungen oder Zusammenkünften sie während der letzten Nacht gewesen und mit wie wenig Schlaf sie ausgekommen waren, waren sie stolz und ernteten bei den anderen Bewunderung – oder sogar Neid.
Natürlich verbrauchte es auch viel zu viel Zeit, einen so langen Namen wie Morlo Orin Irus auszusprechen, und deshalb nannte man den Jungen kurz bei den Anfangsbuchstaben: Moi.
Moi hatte keine Geschwister, denn Mois Eltern waren sehr strebsam und sehr erfolgreich in ihren Berufen und hatten wenig Zeit für Kinder. Auch nicht für Moi.
Aber Moi hatte einen Großvater, mit dem er viel Zeit verbrachte. Und Mois Großvater war furchtbar altmodisch. Er lebte in einem kleinen Häuschen am Rand eines Dorfs inmitten eines kleinen Gartens voller Apfelbäume. Er scherte sich nicht darum, was die Leute über ihn sagten, und die Leute nannten ihn sonderbar und belächelten ihn. Aber Moi liebte seinen Großvater, denn er hatte immer ein offenes Ohr und beantwortete all die vielen Fragen, die der Junge ihm stellte.
Eines Tages, als Moi wieder einmal seinen Großvater besuchte und in dem kleinen Garten umherstreifte, während der Großvater dort in seinem Schaukelstuhl saß und eine Pfeife rauchte, wollte Moi etwas wissen: „Großvater, was ist ein Zeitoptimierer?“
„Tja, mein Junge“, sagte der Großvater und schaukelte hin und her und paffte an seiner Pfeife, bevor er weitersprach, „ein Zeitoptimierer ist jemand, der so viel, wie es nur irgend möglich ist, in so wenig Zeit wie nur irgend möglich tun kann.“
„Mhm“, überlegte Moi, „und warum ist das so wichtig?“
„Tja, mein Junge“, sagte der Großvater wieder, aber diesmal hörte er auf mit dem Schaukeln und nahm die Pfeife aus dem Mund und sah Moi mit ernstem Blick an. „Es ist nicht wichtig! Es ist ganz und gar nicht wichtig! Es ist sogar ganz und gar falsch!“
Erst einmal war Stille. Moi blickte den Großvater mit großen Augen an. „Aber“, fing er schließlich wieder an zu reden, „alle sagen doch, dass es wichtig ist. Und wenn alle das sagen, dann muss es doch so sein.“ Er schaute seinen Großvater dabei an und war sich plötzlich gar nicht mehr so sicher.
Der Großvater schaute zuerst in die Ferne, so als würde er sehr gründlich nachdenken und müsse sich die Worte sorgfältig zurechtlegen, dann schaute er Moi an und schließlich sagte er ernst: „Nein, es ist nicht immer alles richtig, was alle sagen. Und es sind auch nicht alle, sondern nur die meisten.“ Eine kurze Pause entstand und der Großvater schien wieder seine Worte genau zu bedenken. „Die Menschen sind irgendwann vom rechten Weg abgekommen und wissen nicht mehr, was ihnen guttut, was das Leben ausmacht, was Glück ist. Die Menschen haben Angst. Sie rennen und rennen durch ihr Leben, weil sie nicht fühlen wollen, nicht spüren wollen – ih