Marjorie schien es neuerdings darauf angelegt zu haben, William zu erschrecken; diesmal schlug sie mit einem Löffel mit pfirsichfarbenem Plastikgriff gegen seine Charlie-Chaplin-Tasse und flötete: »Huhu, William! Zeit für den Elf-Uhr-Tee! Kommst du?« Er fuhr sich mit dem Finger über die Lippen. Waren es dieselben, die Clare damals küsste? Hatte er damals wirklich ihren Seidenschal gelöst? Er stand auf, um sich eine Tasse zu holen. Als er sie mit zwei Teelöffeln Zucker füllte, bekam er ein schlechtes Gewissen. Bei ihnen zu Hause war Zucker nämlich tabu; William hatte schwören müssen, sogar beim Tee darauf zu verzichten. Wenn er sich nicht an sein Versprechen hielt – er liebte süßen Tee mit Milch –, keifte Clare sofort herum, doch er konnte einfach nicht widerstehen. Wann hatte er aufgehört, sich mit ihr wegen Zucker zu streiten? Er war seines Rechts auf Karies und Diabetes beraubt worden. Warum gab er sich ausgerechnet in diesem Punkt geschlagen? Sie lagen ständig im Clinch: weil der Fahrersitz nicht verstellt worden war, weil sie sich uneinig waren, wer mit dem Abwasch dran war, welcher Spruch auf den Anrufbeantworter sollte, wo sie Weihnachten verbringen wollten, ob sie in Urlaub fuhren und wenn ja, wohin, wie lange das Fenster aufgemacht, wie hoch die Heizung aufgedreht, wie laut geschrien werden durfte.
So viele Machtkämpfe, aber am Zuckerverbot war nicht zu rütteln. Clare lauerte regelrecht darauf, dass er dagegen verstieß, damit sie sich empören konnte. Der Zucker war an allem schuld: an Williams Maßlosigkeit, seinem angeblichen Peter-Pan-Syndrom, seinem Mangel an Ehrgeiz. Schon die kleinste Prise provozierte Tiraden über seine Verantwortungslosigkeit und ihre Unzufriedenheit mit der ganzen Situation. Inzwischen hatte William ein ausgeprägtes Gespür für die Auslöser entwickelt. Als er damals mit Clare zusammenzog, hätte er sich nie träumen lassen, wie viel Gezeter es später geben sollte, nur weil er Essensreste wegwarf beziehungsweise nicht wegwarf, an einem Marktstand eine Rose für sie kaufte, das Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter nicht wie versprochen zur Post brachte oder darüber nachdachte, zusammen mit Stevie seine alte Band, die Bleeding Hearts, zu reaktivieren.
Allein die Vorstellung, dass ihr Mann wieder mit Stevie und den anderen Nichtsnutzen durch die Gegend tingelte, löste bei Clare Gesichtszuckungen aus. An der Uni hatte sie die Kapriolen und den eigenwilligen Glam-Folk seiner Combo noch toleriert, aber als Stevie auch Jahre später unbeirrt an seinem schrillen, selbstzerstörerischen Lebensstil festhielt, war es mit ihrem guten Willen vorbei gewesen. Wehmütig dachte William an die triumphale »Klo-Tour« der Bleeding Hearts zurück. Er vermisste das erhebende Gefühl, Stevies Keyboarder zu sein, die Selbstsicherheit und Vertrautheit mit den Bandkollegen, das prickelnde Gefühl, dass es jede Sekunde zu fürchterlichen Katastrophen und hysterischen Lachanfällen kommen konnte. Er sehnte sich nach den Abenden, als Clare mit glitzernden Armreifen und lila Beinstulpen vor der Bühne tanzte. Jedes Mal, wenn er ins Publikum schaute, erwiderte sie seinen Blick, und er kam sich noch größer vor, nur weil sie dabei war.
Inzwischen erlebte er solche Hochgefühle nur noch im Depot. Zu Hause fühlte er sich wie ein ängstliches Karnickel, das pausenlos nach Anzeichen dicker Luft schnüffelte. Clare verstand sich meisterhaft aufs Fallenstellen, aber manche Fallen konnte das Karnickel schon von weitem erkennen, und um den Zucker machte William lieber einen Bogen. Er fühlte sich diesem zermürbenden Kampf nicht gewappnet, hatte es satt, verletzt zu werden. Er nahm einen Schluck von seinem süßen Tee und wandte s