Kapitel 1
Schon wieder das Nazi-Outfit?
Emily
Emily zerbrach sich den Kopf. Es musste doch etwas geben, worüber sie sich beschweren konnte! Es war Silvester in Los Angeles, einer der nervigsten Abende des Jahres in der möglicherweise nervigsten Stadt der Welt. Warum fiel ihr also nichts ein?
Mit einem Skinny Martini in der Hand beobachtete sie von ihrer Liege aus, wie der wunderbare Körper ihres Ehemanns durchs Wasser schnitt wie eine bewegliche Kunstinstallation. Als Miles auftauchte, stützte er sich am Rand des beleuchteten Infinity Pools ab, in dem das türkisfarbene Wasser über die Seite hinweg geradewegs den Berg hinabzufließen schien. Hinter ihm funkelten meilenweit die Lichter aus dem Tal und ließen die Stadt verlockend, ja geradezu sexy wirken. Los Angeles strahlte eigentlich nur bei Nacht. Dann sah man nichts mehr von dem Smog und den Junkies und dem zermürbenden Verkehr. All das wurde durch die idyllische Aussicht auf den Nachthimmel und die stumm funkelnden Lichter ersetzt, als ob Gott selbst in die Hügel von Hollywood hinabgestiegen wäre und den perfekten Snapchat-Filter für seine am wenigsten geliebte Stadt auf Erden ausgewählt hätte.
Miles lächelte ihr zu, und sie winkte, doch als er ihr bedeutete, zu ihm ins Wasser zu kommen, schüttelte sie den Kopf. Rings um sie herum feierten die Menschen auf diese entschlossene Weise, die man nur an Silvester nach Mitternacht zu sehen bekam:Heute werden wir so viel Spaß haben wie noch nie zuvor, wir werden haarsträubende Dinge sagen und tun, wir lieben unser Leben und alle Menschen darin. Im riesigen Whirlpool saßen Dutzende Feiernde, alle mit einem Drink in der Hand, während andere Gäste sich am Rand niedergelassen hatten und damit zufrieden waren, ihre Füße ins Wasser zu halten und darauf zu warten, dass ein paar Zentimeter Platz frei wurden. Auf der Terrasse über dem Pool legte einDJ einen Hip-Hop-Remix auf, und überall – auf der Veranda, im Pool, auf der Pool-Terrasse, auf dem Weg ins Haus und vice versa – bewegten sich die Leute glücklich zu seiner Playlist. Auf der Liege links neben Emily saß ein Mädchen, das nur ein Bikiniunterteil trug, rittlings auf einem Mann und massierte ihm die Schultern, während ihre Brüste frei herumschwangen. Sie arbeitete sich an seinem Rücken hinab und begann dann recht aggressiv, seine Pobacken zu kneten. Sie war vielleicht dreiundzwanzig, höchstens fünfundzwanzig, und obwohl ihr Körper alles andere als perfekt war – ihr Bauch war leicht gerundet und ihre Oberschenkel waren übermäßig kurvig –, gab es an ihren Armen keinen Winkespeck, und sie hatte keine Falten am Hals. Überhaupt nirgendwo Falten, nur jugendliche Haut. Anders als die kleinen Demütigungen an Emilys sechsunddreißigjährigem Körper: leichte Dehnungsstreifen an den Hüften, ein minimal absackendes Dekolleté, vereinzelte dunkle Haare entlang ihrer Bikinizone, die trotz Emilys regelmäßiger Wachsbehandlungen einfach so zu sprießen schienen. Sie war keine Schreckgestalt – sie war immer noch schlank und gebräunt, vielleicht sogar richtiggehend he