1. Kapitel
Dienstag, 10. August 1999
Am heißesten Tag des Jahres ist Larry Glassbrook zum letzten Mal in seine Heimat Lancashire zurückgekehrt, und die Leute aus der Stadt sind gekommen, um ihn zu verabschieden.
Nicht auf freundliche Art und Weise.
Vielleicht bilde ich es mir ja nur ein, aber die Menschenmenge vor der Kirche scheint während des kurzen, unterkühlten Trauergottesdienstes größer geworden zu sein. Viele sind früh gekommen, um sich wie Zuschauer vor einer großen Parade einen guten Platz zu sichern.
Überall, wo ich hinschaue, zwischen Grabsteinen und entlang der Friedhofsmauer stehen Leute, sie säumen die Wege wie eine gespenstische Ehrengarde. Als wir dem Sarg hinaus ins grelle Sonnenlicht folgen, sehen sie uns an, ohne sich zu rühren oder etwas zu sagen.
Die Presse ist in voller Mannschaftsstärke erschienen, obwohl das Datum so lange wie möglich geheim gehalten wurde. Uniformierte Polizisten drängen die Medienleute zurück, halten die Wege und das Kirchenportal frei, aber die Fotografen haben Trittleitern und riesige Teleobjektive mitgebracht. Die runden, flauschigen Mikrofone der Berichterstatter sehen aus, als könnten sie noch das Huschen der Kirchenmäuse einfangen.
Ich halte den Blick gesenkt, schiebe die Sonnenbrille auf der Nase noch ein wenig höher, obgleich mir klar ist, dass ich inzwischen ganz anders aussehe. Dreißig Jahre sind eine lange Zeit.
Ein paar Meter vor mir laufen dicke Schweißperlen über die Nacken der Sargträger. Die Männer ziehen eine Geruchsspur hinter sich her, einen Dunst von Aftershave und biergesättigtem Schweiß, von nicht oft genug gereinigten Anzügen.
Das Niveau ist seit Larrys Zeiten deutlich gesunken. Die Angestellten des Beerdigungsunternehmens Glassbrook& Greenwood trugen Anzüge, so schwarz wie frisch geschlagene Kohle. Ihre Schuhe und ihr Haar glänzten, und sie rasierten sich so gründlich, dass sie immer gereizte, wunde Haut hatten. Larrys Männer trugen die Särge voller Ehrfurcht, wie die Kunstwerke, die sie waren. Solche billigen Furniersärge wie den da vor mir hätte es bei Larry niemals gegeben.
Zu wissen, dass seine eigene Beerdigung nicht die Anforderungen erfüllen würde, auf denen er immer bestanden hatte, könnte durchaus eine bittere Enttäuschung für Larry gewesen sein. Andererseits hat er vielleicht auch gelacht, laut und gemein. So, wie er es manchmal getan hatte, wenn man es am wenigsten erwartete und besonders erschreckend wirkte. Und dann fuhr er sich vielleicht mit den Fingern durch sein schwarzes Haar, zwinkerte anzüglich und tanzte weiter zu den Elvis-Songs, die er in seiner Werkstatt unablässig hörte.
Noch nach all dieser Zeit bekomme ich Herzrasen beim bloßen Gedanken an die Musik von Elvis Presley.
Wie ein riesiges krabbelndes Insekt ändern der billige Sarg und seine Träger die Richtung und verlassen den Weg. Während wir nach Süden auf das Familiengrab der Glassbrooks zuhalten, brennt die Hitze so heftig auf unseren Gesichtern wie die Bühnenscheinwerfer einer heruntergekommenen Musicalhalle. In Lancashire, so weit oben auf dem Hochmoor, sind heiße Tage selten, heute jedoch scheint die Sonne fest entschlossen zu sein, Larry schon einmal einen Vorgeschmack auf die Temperaturen zu geben, die in seinem nächsten Kerker auf ihn warten.
Ich frage mich, was wohl auf seinem Grabstein stehen wird:Treu ergebener Ehemann, liebevoller Vater, gnadenloser M