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Laurie kam nur ein Wort in den Sinn, als Ivan Gray ihr Büro betrat: riesig. Der Typ war gewaltig. Er war mindestens eins neunzig, aber es war nicht die Größe allein. Er hatte kein Gramm überflüssiges Fett am Leib, sondern war fit und athletisch. Dazu hatte er braune, kurz geschnittene Haare und grün-braune Augen.
Sie fürchtete sich fast davor, ihm die Hand zu geben, aus Angst, er würde ihr die Finger zerquetschen. Überrascht stellte sie fest, dass er sie mit einem ganz normalen Handschlag begrüßte.
»Ich danke Ihnen sehr, dass Sie mich eingeladen haben, Laurie.« Weder hatte sie ihn eingeladen, noch hatte sie ihn gebeten, sie mit Vornamen anzusprechen.
»Na, Ryan hat eine hohe Meinung von Ihnen«, entgegnete sie schroff.
»Was auf Gegenseitigkeit beruht«, antwortete Ivan und verpasste Ryan einen freundschaftlichen Schlag auf den Arm. »Als er das erste Mal bei uns aufgetaucht ist, dachte ich mir, er wird nach zwanzig Minuten betteln, Schluss machen zu dürfen. Aber er trainiert hart. Wenn er so weitermacht, kann er sich vielleicht irgendwann sogar gegen meine besseren Schützlinge zur Wehr setzen – unter den Boxerinnen, meine ich.«
Ein typischer Insiderwitz, der die Außenseiterin – in diesem Fall Laurie – daran erinnerte, dass sie nicht dazugehörte. Sie wünschte sich, Ryan würde auch so viel Engagement aufbringen, um sich mit den Grundzügen des Journalismus vertraut zu machen. Sie mühte sich zu einem Lächeln.
Normalerweise beschäftigte sie sich stundenlang mit einem Fall, bevor sie den Haupttatverdächtigen befragte. Nun fiel es ihr schwer, vom Geplänkel über Ryans Trainingsbesessenheit zu einem Mord an einer Frau überzuleiten. Sie deutete Ivan an, Platz zu nehmen, und beschloss, unumwunden auf den Punkt zu kommen. »Ryan hat mir gesagt, Sie seien daran interessiert, dass wir uns den Tod von Virginia Wakeling vornehmen und neu ermitteln.«
»Sie können das, wenn Sie wollen, als Neuermittlung bezeichnen, aber wenn Sie mich fragen, hat dasNYPD nie richtig ermittelt. Die Polizei hat bloß gehört, dass eine Achtundsechzigjährige etwas mit einem Siebenundvierzigjährigen hatte, und die Sache war für sie klar. Dass gegen mich keinerlei Beweise vorlagen, hat sie gar nicht mehr interessiert.«
Virginia war vor drei Jahren ums Leben gekommen, ging Laurie durch den Kopf, Ivan musste also mittlerweile fünfzig sein. Er sah eher wie vierzig aus, aber sie vermutete, dass er hier und dort nachgeholfen hatte. Er war gebräunt, obwohl es Januar war, und sein kurzer Haarschnitt kaschierte die beginnende Glatzenbildung.
Der Fall war erst vor Kurzem wieder in den Medien durchgehechelt worden, sodass Laurie die meisten Fakten parat hatte. Nach allem, was sie gehört hatte, stand Virginias Vermögen im Mittelpunkt der ursprünglichen Polizeiermittlungen. Ihr Mann war ein erfolgreicher Immobilienunternehmer gewesen, der sie als eine extrem wohlhabende Witwe zurückgelassen hatte. Laurie konnte sich lebhaft vorstellen, was sich Wakelings Familie und Freunde dachten, als sie eine Beziehung mit einem über zwanzig Jahre jüngeren Trainer anfing.
Aber sein Alter und Beruf waren – trotz seiner eigenen Aussagen – nicht die einzigen Gründe, warum er zum Haupttatverdächtigen wurde.
»Bei allem Respekt«, sagte Laurie, »aber wenn Sie sagen, es hätten keinerlei Beweise vorgelegen, werden Sie den Ermittlungen nicht ganz gerecht. Auch das Motiv gilt als eine Art Indiz. Es gab, wenn ich mich recht erinnere, finanzielle Beweggründe.«
Nach Virginias Tod entdeckte die Polizei, dass mehrere Hunderttausend Dollar ihres Vermögens für diverse Verpflichtungen seitens Ivans aufgewendet worden waren. Ihre Kinde