Kapitel 2
Marisol
Ich steige aus dem Flugzeug und mache mich auf den Weg durch den Flughafen, mein Gepäck in den Händen. Mein ganzes Leben lang war Kuba dieses mystische Gebilde, manchmal greifbar, manchmal flüchtig und nicht zu fassen. Jetzt ist es real. In der Ankunftshalle gibt es nichts Romantisches oder Glamouröses. Trotzdem bin ich schrecklich aufgeregt.
Leider wird der Zauber des Augenblicks von der lästigen Warterei zerstört. Die Minuten ziehen sich. Fast eine Stunde ist vergangen, bis ich endlich ganz vorn in der Einreiseschlange stehe. Ich betrachte die Beamten hinter ihren Schaltern, die Leichtigkeit, mit der sie die Touristen vor mir abfertigen. Offiziell bin ich als Journalistin gekommen. Ich habe ein Arbeitsvisum, um für einen Artikel über den Tourismus in Kuba nach Aufhebung der Sanktionen zu recherchieren. Das Thema habe ich meiner Chefredakteurin schmackhaft gemacht, indem ich eine mehrteilige Serie vorschlug, praktisch eine Einführung in das Land Kuba für ein amerikanisches Publikum. Den Auftrag bekam ich allerdings erst, als ich anbot, meine Reisekosten selbst zu tragen. Inoffiziell habe ich die Asche meiner Großmutter im Gepäck.
Es gibt offizielle Wege, verstorbene Exilanten zur Bestattung nach Kuba zurückzubringen. Ich habe mich bei Freunden darüber informiert, die mir wegen der ausufernden Bürokratie und der Einmischung durch die Regierung davon abrieten. Also entschied ich mich für den einfachsten Weg, viele Kubaner machen das so. Während ich meine Großmutter ins Land schmuggele, habe ich das starke Gefühl, dass sie in diesem Augenblick auf mich herabsieht und lächelt. Es ist ihr bestimmt eine Genugtuung, das verhasste System zu übertölpeln.
Ich halte meine Papiere und das Visum in der Hand, schiebe mich weiter vor. Hoffentlich bekomme ich die behelfsmäßige Urne an den Beamten vorbei, ohne dass sie Fragen stellen.
Mein Beamter nimmt die Papiere entgegen. Mein Herz rast, als ich seine Fragen beantworte. Auf Spanisch, der Sprache, die ich mein Leben lang gesprochen habe. Ich spüre eine seltsame Trennung. Einerseits sind wir als Landsleute miteinander verbunden, andererseits auch wieder nicht. Obwohl meine Mutter Amerikanerin mit spanischen Wurzeln ist, habe ich mich immer in allererster Linie als Kubanerin empfunden. In Miami war das nie ein Problem. Meine Großeltern waren Kubaner, mein Vater ist Kubaner, also bin auch ich Kubanerin. Wird es hier einen Unterschied machen, dass meine Haut ein wenig heller ist als die vieler Einheimischer? Dass mein Blut nicht ganz und gar kubanisch ist? Bin ich eine Außenseiterin, oder genügt meine Abstammung?
Er winkt mich durch. Nervös nehme ich mein Handgepäck und lege es samt der Asche zum Durchleuchten auf das Band. Es setzt sich rumpelnd in Bewegung, und meine Tasche gleitet durch den Apparat. Mir stockt der Atem.
Ich trete durch die Schleuse und warte. Sicher wird gleich meine Tasche einkassiert. Sie werden mich in einen fensterlosen Verhörraum bringen. Tatsächlich ist es Amerikanern ja noch verboten, Kuba als Touristen zu bereisen. Was wird mit mir passieren? Ich bewege mich auf unbekanntem Territorium. Es gibt keine Erfahrungswerte für solche