Kapitel 1
Jeden Tag nahm ich mir eine andere Strecke vor. Ich brach vor dem Morgengrauen auf und joggte zuerst die vertraute Straße entlang. Wenn ich dann den Wald des Schutzgebietes am Stadtrand erreichte, stieg die Sonne gerade über den Horizont. Langsam wurde der Himmel heller, doch hier im Schatten der Bäume, die die Straße säumten, war es noch dunkel.
Ich verlor mich im Rhythmus. Nur mein leises Keuchen und das dumpfe Geräusch der Joggingschuhe auf dem Seitenstreifen waren zu hören. Zu dieser frühen Stunde herrschte kein Verkehr. Nicht einmal die Flötenvögel waren wach.
Als ich die Straße verließ und in den Feldweg einbog, der in den Wald führte, streiften klebrige Gräser meine Beine, und die Luft war feucht. Um die Bäume herum wuchs dichtes Unterholz, die Schatten wurden dunkler. Nach zehn Minuten hielt ich an, trank einen Schluck Wasser aus meiner Feldflasche und sah mich um.
Hier am Rand des Schutzgebietes scharten sich die Sprösslinge der Eukalyptusbäume zusammen, als suchten sie Schutz in der Menge. Ihre schlanken Stämme waren geschwärzt nach einem Waldbrand, der letztes Jahr hier gewütet hatte.
Tief im Innern des Waldes, wo ich heute hinwollte, erhoben sich die Stämme der gewaltigen Bäume aus dem Granitboden und standen wie Riesen entlang der Schlucht. Das Blackwater-Gorge-Schutzgebiet umfasste 20 000 Hektar zumeist unberührter Wildnis und wurde durch einen Fluss in zwei Hälften geteilt. Wegen der tiefen Schluchten und der hoch aufragenden Granitblöcke wagten sich nur die mutigsten Buschwanderer hierher.
Doch ohnehin verirrte sich nur selten jemand in diese Gegend.
Ich steckte meine Feldflasche in die Jackentasche zurück und lief weiter den Pfad entlang. Ich freute mich darauf, mein Ziel zu erreichen. Ein paar Kilometer weiter im Innern des Schutzgebietes würde ich den Hügel hinauflaufen, in eine Region, in der ich noch nie gewesen war. Sie war mit Teebäumen und Schwarzdornakazien derart zugewachsen, dass ich mir einen Weg hindurch erkämpfen musste. Jeans und Baumwolljacke waren normalerweise beim Joggen ziemlich unpraktisch, doch wenn ich durch die dichten Dornenbüsche lief, würde ich froh darüber sein.
Jetzt hatte ich fast schon den verlassenen Campingplatz erreicht.
Dieser Teil des Weges hatte sich mir ins Gedächtnis gebrannt. Ich erinnerte mich an jeden Baum oder Felsen. An die ausgewaschenen Hänge an einer Strecke des Pfades. Sie waren mir so vertraut wie mein eigenes Gesicht.
Doch als ich dann wirklich an dem alten Campingplatz ankam, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass noch jemand hier war.
An dem von Unkraut überwucherten Grillplatz mit seinen windgeschützten Mäuerchen aus versengten Backsteinen und den in die Erde eingelassenen Feuerstellen blieb ich zögernd stehen.
Ganz ruhig, Abby, tief durchatmen.
Verstohlen tastete ich nach dem Pfefferspray in meiner Hosentasche. Ich nahm die Kappe ab, ohne die Umgebung aus den Augen zu lassen. Nichts rührte sich. Zumindest konnte ich durch mein plötzlich eingeschränktes Sehvermögen nichts erkennen. Mit trockenem Mund drehte ich mich langsam einmal um die eigene Achse. Als alles still blieb, atmete ich erleichtert auf und entspannte mich. Paranoia, alles nur Einbildung.
Dann sah ich die leuchtende Farbe.
Blut, dachte ich zuerst. Ein dicker Klumpen im Schatten eines hohen roten Eukalyptusbaumes. Ich biss die Zähne zusammen. Hatte hier jemand ein Känguru erlegt und gehäutet?
Zu rot. Und viel zu glä