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Der Herzog der Westmark
Owen Kiskaddon trug nur ungern eine volle Rüstung, in der er sich unwohl und eingeengt fühlte. Deshalb legte er selten mehr als ein Kettenhemd an. So wie jetzt, als er am Abend vor seiner ersten Schlacht als Feldherr durch das Lager der Soldaten ging, die Hand auf dem Schwertknauf. Die Nacht senkte sich schnell herab. Schon konnte er im frühen Dämmerlicht die ersten Sterne sehen.
Er vermisste die kalte Schönheit des Nordens, wo er in den letzten zehn Jahren zu Hause gewesen war. Und er vermisste seine Freundin Evie, die Enkelin des Herzogs von North Cumbria. Sie wartete sicher gespannt auf Nachricht von seiner ersten Schlacht, der er selbst mit einer Mischung aus Unruhe und Aufregung entgegensah. Es war zu erwarten, dass Blut fließen würde, auch wenn er sich nicht darauf freute. Er hatte die Kampftechniken geübt, doch er war noch nicht erprobt. Jahrelang hatte er im Sattel trainiert, mit Schwertern, Äxten, Bögen und Lanzen, aber noch viel lieber las er in Büchern über kriegerische Auseinandersetzungen. Er hatte alle entscheidenden Schlachten studiert, jene aus längst vergangenen Zeiten wie auch die der jüngeren Vergangenheit. Er wusste auswendig, wie viele Soldaten in den Morast vor der Feste Azin marschiert waren, wusste, dass es dem König gelungen war, durch ein sorgsam ausgewähltes Terrain, angespitzte Pfähle und Bogenschützen ein zahlenmäßig weit überlegenes Heer zu schlagen. Doch während andere die Geschichtswerke lediglich studierten, ging Owen einen Schritt weiter. Er durchleuchtete und hinterfragte die Ereignisse.
Was hätte er getan, wäre er Kommandant des okzitanischen Heers gewesen, um den König von Ceredigion in der Schlacht von Azin zu schlagen? Wie bei einer Partie Wizar suchte er nicht nur nach Möglichkeiten von seiner Warte aus. Er betrachtete es auch vonseiten der Gegner. Und schon vor Langem hatte er begriffen, dass es bei Konflikten mehr als zwei Seiten gab, wenn um Königreiche und Kronen gespielt wurde, und dass unerwartete Figuren auf den Plan treten konnten.
»Guten Abend, Mylord«, sagte ein Soldat, als Owen, tief in Gedanken versunken, an seinem Lagerfeuer vorbeilief.
Owen blieb stehen und sah auf den Mann hinunter, an dessen Namen er sich nicht erinnerte. »Guten Abend. Wem untersteht Ihr?«, erkundigte er sich.
Und obwohl der Soldat doppelt so alt war wie Owen, blickte er ehrfürchtig zu ihm auf. »Harkins, Mylord. Ich heiße Will und unterstehe Harkins. Meint Ihr, das Wetter hält bis zur Schlacht morgen?«
»Erfreut, Will. Wollen wir es hoffen, oder?«
Owen schenkte dem Soldaten noch ein müdes Lächeln und ein dankbares Nicken, dann setzte er seinen Weg zum Kommandozelt fort. Er glaubte nicht, dass er Schlaf finden würde. Wie viele der Soldaten mochte es mit Sorge erfüllen, einem so jungen Feldherrn in die S