: Rajeev Balasubramanyam
: Professor Chandra folgt dem Flow Roman
: Wunderraum
: 9783641243098
: 1
: CHF 10.80
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 416
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sein ganzes Leben hat Professor Chandra in Cambridge der Forschung geopfert. Und doch wird der berühmte Ökonom erneut beim Nobelpreis übergangen. Als Chandra infolge eines Fahrradunfalls auch privat Bilanz zieht, kommt er ins Grübeln. Von seiner Frau ist er geschieden, die drei Kinder sind in alle Welt verstreut, zu seiner jüngsten Tochter hat er keinen Kontakt. Was macht er nur falsch? Chandras Arzt empfiehlt, einfach mal kürzer zu treten und das Leben zu genießen. Aber wie um Himmels willen stellt man das an? Und was macht den Menschen eigentlich glücklich? In den Dingen des Herzens völlig ungeübt, begibt sich Professor Chandra auf eine abenteuerliche Reise.

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Rajeev Balasubramanyam wurde 1974 in Lancashire geboren und studierte u.a. Philosophie und Politik- und Wirtschaftswissenschaften in Oxford und Cambridge. Seine Artikel und Kurzgeschichten sind imEconomist, derParis Review, McSweeney’s und anderen Magazinen erschienen. Zurzeit lebt und arbeitet er in Berlin.

2

Am nächsten Morgen erwachte Professor Chandra in einem Einzelzimmer, mit Schmerzen am ganzen Körper, von dumpf bis stechend. Seine Rippen waren geprellt, das linke Handgelenk verstaucht, weil er versucht hatte, sich im Fall abzustützen, und seine Wirbelsäule hatte ein Trauma abbekommen, was er nicht verstand, was aber bedeutete, dass er umgehend operiert wurde, damit seine Wirbel wieder an Ort und Stelle kamen. Ferner hatte er einen »stummen Herzinfarkt« gehabt, was ihm seine miese Stimmung in den letzten Wochen verständlicher machte. Gute-Besserung-Karten trafen ein, von seiner Sekretärin, einigen Kollegen und den meisten Mitgliedern von International Economics. Jasmine schickte eine E-Mail aus Colorado, sein Bruder eine aus Delhi (was äußerst selten vorkam), aber weder Chandras Sohn Sunny noch seine älteste Tochter Radha meldeten sich. Letztere hatte seit zwei qualvollen Jahren nichts von sich hören lassen, deshalb wunderte er sich nicht.

Jasmine hatte ein Gedicht angehängt, das Chandra zum Lächeln brachte.

Lieber Dad, wir denken an dich

du hast uns erschreckt ganz fürchterlich

schau erst links, dann rechts, sonst wirst du nicht alt

ruh dich schön aus, gib gut auf dich acht

viel schlafen und lächeln, komm nicht auf den Hund

sondern werd schnell wieder ganz gesund.

Jean hatte auch ein paar Zeilen geschrieben, in denen sie – mit diesem typisch nordenglischen Mix aus Unverblümtheit und Verbrämung – durchblicken ließ, dass es ja irgendwann dazu hatte kommen müssen, und würde er nicht nur dauernd an seine Arbeit denken, hätte sich der Unfall nicht ereignet und das Leben seiner Familie wäre auch wesentlich weniger mühselig. Immerhin schien sie zumindest erleichtert, dass er nicht tot war, und irgendwie lag er ihr wohl am Herzen, wenn auch auf eine Art, die bar jeder Einfühlung und spürbarer Zuneigung war.

Als die Krankenschwester hereinkam, wandte sie den Blick ab, als bedaure sie Chandra wegen seiner Einsamkeit. In den anderen Krankenzimmern wimmelte es vermutlich von Blumen und Menschen, und man schrammelte Lieder auf handbemalten Gitarren.

Erst einen ganzen Tag später bekam Chandra einen Anruf von seinem Sohn, der sich aus der Lobby des Oberoi in Mumbai meldete. Wie Jean war auch Sunny der Ansicht, dass Chandra sein aktuelles Schicksal selbst zu verantworten hatte, vertrat jedoch die Ansicht, der Unfall sei eine »synchronistische Notwendigkeit«.

»Es geht dabei immer um die Seele, Dad«, sagte Sunny. »Wir schaffen unsere eigene Wirklichkeit.«

Sunny betrieb in Hongkong ein ungeheuer erfolgreiches Unternehmen namens Institut für achtsames Management, das sich positives Denken und Finanzkarma auf die Fahnen geschrieben hatte – Resultat einer Ideologie, die Chandra als kapitalistischen Mystizismus bezeichnete.

Man traf Sunny immer nur in schwarzem Anzug mit Nehru-Kragen, weißem T-Shirt, Sneakers und Brille an, obwohl Chandra sicher war, dass sein Sohn exzellente Augen hatte. Manchmal sprach Sunny mit hörbar indischem Tonfall, der dem seines Vaters ähnelte. Chandra gestand sich das selbst äußerst ungern ein, aber Sunny und er waren zu Konkurrenten geworden. Und er hatte den Nobelpreis unter anderem deshalb unbedingt bekommen wollen, damit er seinem Sohn endlich beweisen konnte, wer recht hatte.

»Sunny«, sagte Chandra, »wenn du mir jetzt sagst, ich soll positiv denken, lege ich auf, ich schwör’s dir.«

»Freut mich, dass du so lebhaft klingst, Dad.«

»Hast du was von Radha g