: Prof. Dr. Maren Urner
: Schluss mit dem täglichen Weltuntergang Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren
: Verlagsgruppe Droemer Knaur
: 9783426454138
: 1
: CHF 14.00
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Warum wir vor lauter News die Nachrichten übersehen - in ihrem Sachbuch erklärt die Neurowissenschaftlerin Maren Urner, warum uns die Informationsflut der modernen Medien überfordert und welche Auswege es gibt. Egal ob morgens in der Zeitung, abends im TV oder gleich den ganzen Tag im Liveticker auf dem Smartphone: Kriege, Skandale, Terroranschläge, Katastrophen. Der Welt scheint es so schlecht zu gehen wie noch nie, und in Zukunft wird alles noch schlimmer. Diese Sicht der Dinge drängt sich auf, wenn wir uns in den Medien über den Zustand der Welt informieren. Maren Urner warnt vor den fatalen Auswirkungen dieser Art von Berichterstattung: Wir sind ständig gestresst, unser Gehirn ist dauerhaft im Angstzustand, und unsere Sicht auf die Welt wird durch Schwarz-Weiß-Malerei und Panikmache verzerrt. So gewinnen wir keinen Überblick über die Geschehnisse, sondern bleiben überfordert und hilflos zurück. Mit ihrer wissenschaftlichen Expertise erklärt die Autorin, was in der modernen Medienwelt schiefläuft und wie unser Steinzeithirn täglich von der digitalen Informationslandschaft überfordert wird. Als Gründerin von Perspective Daily berichtet Maren Urner aber auch von einer Alternative: von einem Online-Magazin, das lösungsorientiert berichtet. Als Neurowissenschaftlerin und Vorreiterin des Konstruktiven Journalismus in Deutschland erzählt sie von einer Berichterstattung, die uns nicht hoffnungslos zurücklässt, aber auch nichts schönreden will - inklusive interaktivem Crashkurs in kritischem Denken. Maren Urner studierte Kognitions- und Neurowissenschaften in Deutschland, Kanada und den Niederlanden und promovierte am University College London. 2016 gründete sie Perspective Daily mit, das erste werbefreie Online-Magazin für Konstruktiven Journalismus. Seit April 2019 ist sie Dozentin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) in Köln. »Sobald mich meine Berufskrankheiten Zorn, Angst oder Verzweiflung befallen, lese ich Maren Urner. Klug und mit frischer Schärfe zeigt sie, was ein verantwortungsvoller Journalismus leisten kann.« Hajo Schumacher

Maren Urner ist Neurowissenschaftlerin und Professorin für Nachhaltige Transformation an der FH Münster sowie Studiengangsleiterin des Masterstudiengangs. Sie studierte Kognitions- und Neurowissenschaften, u. a. an der McGill University in Montreal, und wurde am University College London in Neurowissenschaften promoviert. 2016 gründete sie das erste werbefreie Online-Magazin Perspective Daily für Konstruktiven Journalismus mit. Seit September 2020 ist sie Kolumnistin bei der Frankfurter Rundschau. Ihre drei Bücher Schluss mit dem täglichen Weltuntergang (Droemer 2019), Raus aus der ewigen Dauerkrise (Droemer 2021) und Radikal emotional: Wie Gefühle Politik machen (Droemer 2024) sind SPIEGEL-Bestseller. Sie ist Preisträgerin des B.A.U.M. Umwelt- und Nachhaltigkeitspreises 2023 in der Kategorie Wissenschaft.

Die Macht unserer Gewohnheiten


Richtig spannend wird es aber mit Blick auf meine und andere neue wissenschaftliche Ergebnisse, die klar zeigen, dass die Geschichte deines Gehirns – also alles, was du bisher in deinem Leben wahrgenommen und getan hast – beeinflusst, wie du Neues verarbeitest und lernst. Stärker noch: Was immer dein Gehirn in diesem oder jedem anderen Moment gerade tut, beeinflusst deine Wahrnehmung im nächsten Moment – also zum Beispiel, wie du die folgenden Zeilen dieser Buchseite liest und verarbeitest. In den Studien meiner Doktorarbeit konnte ich genau das zeigen. Also, dass sich die jeweils aktuelle Hirnaktivität und neue Erfahrungen unaufhörlich gegenseitig beeinflussen. Eben weil die aktuelle Aktivität in deinem Gehirn zu jedem Zeitpunkt beeinflusst, wie du die Welt wahrnimmst und wie du neue Erfahrungen verarbeitest. Umgekehrt bestimmt die vollständige Sammlung aller bisher gemachten Erfahrungen deine aktuelle Hirnaktivität.

Was sagt uns das? Dass die Aktivität deines Gehirns zu jedem Zeitpunkt eine wichtige Rolle dabei spielt, wie du die Welt wahrnimmst und Neues lernst.

Eine Gemeinsamkeit, die ich als Neurowissenschaftlerin mit vielen Journalisten teile, ist das Interesse an den Momenten, wenn etwas schiefläuft – oder sagen wir mal besser, nicht so läuft wie erwartet. In diesem Fall bedeutet das: Was passiert, wenn wir mit unseren Erwartungen über die Welt und wie sie funktioniert, falschliegen?

Dabei hilft ein einfaches Beispiel: Stell dir vor, du betrittst ein Krankenhaus, aber statt in Weiß gekleideten Ärzten und Pflegepersonal kommen dir lauter Frauen und Männer entgegen, die wie Rettungsschwimmer gekleidet sind. Das würde dafür sorgen, dass in deinem Gehirn ein kleines Feuerwerk neuronaler Aktivität zu beobachten wäre, die signalisiert, dass hier irgendetwas unerwartet – also falsch – läuft. Auch der Rest deines Körpers würde entsprechend überrascht reagieren, vielleicht würdest du wie angewurzelt stehen bleiben, die Rettungsschwimmer ungläubig anstarren und deine Kinnlade hinunterklappen.

Mit Blick auf die konstante Wechselwirkung zwischen aktueller Hirnaktivität und neuen Erfahrungen würde diese Erfahrung dein Gehirn und damit auch deine Erwartungshaltung verändern, wenn du das nächste Mal ein Krankenhaus betrittst. Angenommen, du besuchst dieses zunächst verwirrende Krankenhaus immer und immer wieder, würde sich mit jedem Mal deine Vorstellung, was ein Krankenhaus ist und wie es aussieht, verändern – genau wie dein Gehirn. Vielleicht würdest du sogar irgendwann automatisch Badesachen einpacken, wenn du dich auf den Weg ins Krankenhaus machst.

Genauso formen wir Gewohnheiten. Und die bestimmen unser Leben massiv:50 bis95 Prozent unserer Handlungen sind nichts anderes als Gewohnheiten.[23] Das untersuchten Wissenschaftler, indem sie ihre Probanden über längere Zeiträume jede Stunde aufschreiben ließen, was sie in den letzten60 Minuten gemacht hatten, inklusive einer Bewertung, die den Wissenschaftlern erlaubte zu entscheiden: Gewohnheit oder nicht?

Wecker ausstellen, aufs Smartphone blicken, kurz strecken, Kaffeemaschine starten, Meerschweinchen füttern, Haare waschen. Würdest du jede dieser morgendlichen Handlungen in einem Tagebuch notieren, stelltest du fest: Die meisten Dinge, die du tust, laufen automatisch ab, also ohne dass du viel darüber nachdenkst.

Dabei sind Gewohnheiten mehr als bloßes sich wiederholendes Verhalten: Sie benötigen eine geringe bis gar keine bewusste Kontrolle, werden also durch relativ automatische Vorgänge gesteuert, die minimales Nachdenken erfordern. Nicht nur verhältnismäßig einfache Dinge, wie das Tippen auf einer Tastatur, Kochen und Radfahren, können zur Gewohnheit werden, sondern auch komplexe Zusammenhänge, wie das Frühstücksgespräch zwischen dem lang verheirateten Ehepaar, das trotz laufenden Radios und Zeitungslektüre mühelos gelingt.

Schon die Bandbreite zeigt: Gewohnheit ist nicht gleich Gewohnheit, und die Frage, wie lange es dauert, bis eine Gewohnheit zu einer solchen wird, hat in der populärwissenschaftlichen Literatur schon für das eine oder andere Gerücht gesorgt. Allen voran die21-Tage-Hypothese, die auf Ergebnissen aus der plastischen Chirurgie beruht: Nach Operationen, die das eigene Aussehen verändern, benötigen Patienten durchschnittlich21 Tage, um sich an ihre neue Nase oder ihren amputierten Arm zu gewöhnen.[24] Daraus schlossen findige Journalisten, dass neue Gewohnheiten generell nach21 Tagen etabliert sind. Ganz unabhängig davon, dass unsere Gewöhnung an das eigene Spiegelbild wenig mit Gewohnheiten zu tun hat.

Tatsächlich kann es sehr unterschiedlich lang dauern, bis sich eine Gewohnheit einstellt. Das hängt nicht nur von der Tätigkeit ab, die zur Gewohnheit wird oder werden soll, sondern auch von der jeweiligen Person und anderen äußeren Faktoren. Jeden Morgen ein Glas Wasser zu trinken wird für die meisten Menschen schneller zur Gewohnheit, als täglich50 Sit-ups zu machen. Die realistischere Einschätzung, wie lange es braucht, bis sich eine neue Gewohnheit in unserem Gehirn verankert hat, lautet:18 bis254 Tage.[25] Außerdem gilt: Je stärker eine Gewohnheit ist, desto schwieriger können wir sie ändern oder verlernen.

Eine einzelne Gewohnheit allein – egal ob das morgendliche Strecken oder das Anstellen der Kaffeemaschine – hat keine große Bed