: Alain Ehrenberg
: Die Mechanik der Leidenschaften Gehirn, Verhalten, Gesellschaft
: Suhrkamp
: 9783518761427
: 1
: CHF 46.00
:
: Soziologie
: German
: 350
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

eit den 1990er Jahren gewinnt eine neue Wissenschaft des menschlichen Verhaltens ungeheuer an Dynamik: die kognitive Neurowissenschaft. Ihr Ziel ist die Erforschung des Gehirns, um geistige Pathologien wie Depressionen oder Schizophrenie zu behandeln, aber auch das Lernen oder die Kontrolle von Emotionen zu verbessern. In seinem faszinierenden Buch geht Alain Ehrenberg der Frage nach, ob diese Wissenschaft das »neue Barometer« unseres Verhaltens und Lebens geworden ist. Hat sie den Platz eingenommen, den früher die Psychoanalyse innehatte? Ersetzt der »neuronale« Mensch nun den »sozialen« Menschen?

Ehre berg zeigt, dass die kognitive Neurowissenschaft und die mit ihr verbundene Verhaltensökonomie ihre wachsende Autorität nicht nur aus ihren wissenschaftlichen Ergebnissen, sondern auch aus der Einschreibung in ein wichtiges soziales Ideal bezieht: das eines Individuums, das seine Unzulänglichkeiten durch Nutzung seines »verborgenen Potentials« in verwertbare Vermögen umzuwandeln vermag. Diese neue Wissenschaft vom Verhalten ist für Ehrenberg daher die Echokammer unserer zeitgenössischen Ideale der Autonomie.



<p>Alain Ehrenberg, geboren 1950, ist Soziologe und emeritierter Forschungsdirektor am CNRS (Cermes3) in Paris. 2001 gründete er das Forschungszentrum für Pharmaka, psychische Gesundheit, Gesellschaft (CNRS-Inserm-Universität Paris-Descartes).</p>

13Einleitung
Die neue Wissenschaft des menschlichen Verhaltens


In den hoch entwickelten demokratischen Gesellschaften hat die medizinische und soziale Bedeutung des Gehirns seit Beginn der 1990er Jahre um ein Vielfaches zugenommen. Nach Meinung von Neurowissenschaftlern soll die Hirnforschung über kurz oder lang beträchtliche Fortschritte nicht nur bei der Behandlung psychischer Erkrankungen (wie Depression oder Schizophrenie), sondern auch beim Umgang mit gesellschaftlichen Problemen ermöglichen, was effizientere Anwendungen im Bereich politischer Strategien, pädagogischer Praktiken oder Methoden der Konsumenten- und Wählerbeeinflussung (Neuroökonomie, Neuropädagogik, Neuromarketing, Neurorecht usw.) erhoffen lässt. Denn die Neurowissenschaft ist zur sozialen Neurowissenschaft geworden und die Entwicklung auf diesem Gebiet ist so stürmisch, dassNature Neuroscience kürzlich von »einer Forschungsexplosion«4 sprach. Biologen haben nachgewiesen, dass das Gehirn ein offenes, sich ständig wandelndes System ist, dessen Funktion in Antizipation5 oder Rekognition (Wiedererkennen)6 besteht, ein Handlungssimulator, ein Hypothesenschöpfer, dessen Grundeigenschaft die Entscheidung ist. Sagt man mittlerweile nicht, das Gehirn erkenne, ent14scheide und handle? Eine neue Wissenschaft des menschlichen Verhaltens, des normalen wie des pathologischen, ist auf dem Wege der Entstehung: die kognitive Neurowissenschaft. Sie vereint Hirnforschung mit Behaviorismus, Experimental- und Kognitionspsychologie, die heute unter dem Label »Verhaltenswissenschaft« zusammengefasst werden.

Die kognitive Neurowissenschaft gibt gleichermaßen Anlass zu Erwartungen wie zu Befürchtungen, die weit über den Rahmen einer Diskussion unter Spezialisten hinausgeht. In einem globalen Kontext, in dem psychisches Leid und geistige Gesundheit ein zentrales Anliegen sind, ob im Betrieb und bei der Arbeit oder in Erziehung und Familie, können die theoretischen und praktischen Probleme, die sich aus diesen Disziplinen und ihrem Einsatz ergeben, die öffentliche Meinung nicht unberührt lassen. Immerhin geht es dabei um so entscheidende Fragen wie unser individuelles und kollektives Wohlbefinden, die Behandlungsformen von Psychosen, die Art und Weise, wie wir unsere Kinder erziehen und unterrichten, mit einer Vielzahl von auffälligen Verhaltensweisen und kriminellen Handlungen umgehen, demokratische Gefühle, wie Empathie, oder gegenseitiges Vertrauen fördern ‌…

In ihren ambitioniertesten Zielen präsentieren sich diese Disziplinen als eine »Biologie des Geistes«, die ein möglichst vollständiges Wissen über den Menschen als denkendes, fühlendes und handelndes Wesen erstrebt, ausgehend von einer Erforschung seines Gehirns (und der Verästelungen des Nervensystems im übrigen Körper). Eine solche These setzt voraus, dass man die Neurowissenschaft als Anthropologie betrachtet, das heißt als eine Auffassung oder gewisse Vorstellung vom Menschen. Gleichzeitig werden die klassischen Unterscheidungen zwischen psychischen und neurologischen Erkrankungen innerhalb der Allgemeinkategorie der Hirnstörungen durch sie neu gefasst. Wir haben hier vorliegen, was man das starke Programm der kognitiven Neurowissenschaft nennen könnte.

Nicht die gesamte Forschung auf diesem Gebiet betrifft die15Pathologie, doch ist sie aus zwei Gründen unterschiedlicher Natur deren sensibelster Bereich. Zunächst, weil sie das Terrain darstellt, auf dem der Dualismus von Gehirn und Geist, vermittelt durch die beiden Spezialgebiete der Neurologie und der Psychiatrie, konkret in Frage gestellt werden kann. Zum anderen, weil es dort nicht nur um die Fragen psychischen Leids geht, sondern um die des Wohlbefindens oder der Verbesserung jener individuellen Leistungen, hinsichtlich deren die öffentliche Meinung die höchsten Erwartungen hat.

Gegenstand dieses Buches ist die Beschreibung dieser Anthropologie, mit besonderem Augenmerk auf deren Kernproblem, die Beziehungen zwischenGehirn undVerhalten. Ausgangspunkt ist die These, dass das Gehirn in viel engerer Beziehung zum Rest des Körpers steht als zur Außenwelt, und folglich das Verhalten, was Gedanken, Gefühle und Handlungen einschließt, vorrangig durch zerebrale Mechanismen bedingt wird. Das Wort »Verhalten« ist hier sehr weit gefasst, es schließt insbesondere alles ein, was man mit »Geist« bezeichnen könnte – weswegen ich vorziehe, von der Hirn-Verhaltens-Problematik zu sprechen.

Von der Psychoanalyse zur Neurowissenschaft, von einer modernen Stimmungslage zur nächsten


Die Psychoanalyse repräsentierte für die Psychopathologie und die Kultur der westlichen Welt im 20. Jahrhundert, wie der Dichter Auden in Bezug auf Freud schrieb, »ein ganzes Meinungsklima, in dem wir unsere verschiedenen Leben gestalten«.7 Die Neuro16wissenschaft scheint auf dem besten Wege, zum Barometer der Lebensgestaltung im 21. Jahrhundert zu werden.

Die folgende Arbeit beabsichtigt, diesen Klimawandel zu erforschen.

InDas Unbehagen in der Gesellschaft (2011) habe ich beschrieben, wie französische und amerikanische Psychoanalytiker, auf je eigene Weise, das allmähliche Vordringen der Autonomie – dessen, was ich Autonomie als Zustand nenne – in die Kollektivvorstellungen des gesellschaftlichen Menschen begleiteten, indem sie weniger Gewicht auf die ödipalen Problematiken legten, bei denen Schuld und Konflikt im Vordergrund stehen, und mehr und mehr auf narzisstische Aspekte, bei denen eher Scham und Spaltung das Bild beherrschen. Diese Veränderungen der Psychopathologie haben einen Dauerstreit hinsichtlich der Vorzüge und Nachteile des neuen Individualismus, eines Individualismus des fähigen Menschen, in Bezug auf die Gesellschaftsbildung ausgelöst. Der Narzissmus symbolisierte das neue Unbehagen in der Kultur der Gesellschaften, die in die Phase der Autonomie als Zustand eingetreten sind, er lieferte ihnen eine Gestalt, in der die demokratische Sorge über die Auflösung des Sozialen dargestellt werden konnte. Mit der Neurowissenschaft gilt es, sich einer Reihe von Disziplinen zuzuwenden, die offenkundig stärker mit diesen modernen Lebensgewohnheiten in Einklang stehen. Sie werden unter dem Gesichtspunkt einer Naturwissenschaft des autonomen Verhaltens thematisiert, wobei das Problem darin besteht, das »Natürliche« an ihnen zu verdeutlichen bzw. das entsprechende Autonomieprojekt genauer zu formulieren.

Anhand der psychoanalytischen Modelle der Autonomie als17Zustand habe ich den kanonischen Gegensatz von Individuum und Gesellschaft in Frage gestellt, indem ich aufzeigte, dass man es nicht mit einem Niedergang des Gesellschaftsgedankens, bedingt durch einen entfesselten Individualismus, zu tun hat, sondern mit einer Veränderung unserer Handlungsweisen, die sich in der Gestalt des fähigen Individuums ausdrückt. DieMechanik der Leidenschaften befasst sich, in Fortführung dieses Ansatzes, mit der biologischen, kognitiven, verhaltenswissenschaftlichen Version dieser Autonomievorstellung, und zwar vermittelt über einen weiteren kanonischen Gegensatz: dem zwischen Biologischem und Sozialem oder zwischen Natur und Kultur. Was beide Bücher verbindet, ist die These, dass diese beiden Gegensätze eng zusammenhängen und zu den gleichen geistigen Zirkelschlüssen führen. Doch zugleich betonen sie den unterschiedlichen Tenor dieser beiden Wissenschaften vom Menschen: Während die Psychoanalyse den Menschen an seine Grenzen erinnert, lädt die Neurowissenschaft ihn dazu ein, sie zu überwinden.

Der Anspruch der kognitiven Neurowissenschaft, eine Vielzahl von Problemen des täglichen Lebens zu klären und zu behandeln, wirft eine Reihe von Fragen auf: Verändert sie wirklich unsere Vorstellungen und unser Verständnis des menschlichen Wesens? Sind die Menschen im Begriff, sich anhand zerebraler oder kognitiver Sprachspiele, nach dem Motto: »Das ist mein Gehirn, das bin nicht ich«, zu erkennen oder zu bestimmen, und was bedeutet das für ihr Leben? Werden wir die neurowissenschaftlichen Begriffe genauso verwenden, wie wir es uns mit den Freud'schen Begriffen angewöhnt haben? Sind die »kognitiven Verzerrungen« drauf und dran, an die Stelle der...