: Wilhelm R. Vogel
: Der Lockruf des Pirols oder ein September im Leben des Julius Wondraschek
: Morawa Lesezirkel
: 9783990708309
: 1
: CHF 7.00
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 280
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Julius Wondraschek, frisch pensionierter Beamter in Wien, übergewichtig und plötzlich ohne Aufgabe, wartet auf den Anruf seiner Nachfolgerin. Diese jedoch scheint keine Hilfe zu brauchen; sein eigens dafür gekaufter Anrufbeantworter schweigt beharrlich. Er nutzt die Zeit, um über sein Leben nachzudenken, über seine Arbeit und über die Liebe, über Sex und über Religion. Julius hat seine Pflicht als Bürger hervorragend erfüllt. Sein Leben lang standen der Dienst an der Gemeinschaft und seine Arbeit für den Staat im Vordergrund. Aber mit dem Eintritt in den Ruhestand rührt sich sein Widerstandsgeist. Er fühlt sich frei und findet zunehmend Freude daran, unangepasst zu reagieren, Unwissen zu geißeln und seinerseits die Menschen mit haarsträubenden Theorien zu verwirren. In Kaffeehäusern und öffentliche Verkehrsmitteln findet er dafür ein passendes Publikum. Als sein Freund Sebastian stirbt, beginnt er zu recherchieren. Anders als die Polizei glaubt er nicht, dass sich der in sich gekehrte Siebzigjährige freiwillig nackt aus dem zehnten Stock eines Hotels gestürzt hat. Die Erfahrung im Umgang mit den Vogelspinnen seiner Freundin Maria kommen ihm dabei zugute.

Wilhelm R. Vogel ist in Baden aufgewachsen und lebt in Wien Floridsdorf. Nach dem Studium der Biologie arbeitete er im Bereich der Forschung und Lehre an der Universität Wien und später in der öffentlichen Verwaltung. Juli 2018 hat er seinen ersten Roman,"Der Lockruf des Pirols", veröffentlicht. Mit"Unerwartetes" präsentiert er eine erste Sammlung von Kurzgeschichten. Weitere Informationen zum Autor finden Sie unter www.wrvogel.eu

Montag, 1. September


Julius mochte keine Begräbnisse. Mit zusammengekniffenen Lippen stand er da und beobachtete die beiden Totengräber, die Erde in das frische Grab schaufelten. Die Körper der beiden Männer hoben und senkten sich abwechselnd und erinnerten ihn an die Erdölpumpen im nahe gelegenen Marchfeld, die als dunkle, einsame Gesellen in der flachen Landschaft unermüdlich ihren Dienst verrichten und den Lebenssaft unserer Gesellschaft aus den vergessenen Tiefen heraufbefördern. Einen Saft, der von Lebewesen stammt, die vor Millionen von Jahren die Oberfläche der Erde bewohnten und deren Tod uns jetzt ein Leben in lärmendem und hektischem Luxus ermöglicht. In der Natur ist alles auf Kreisläufe ausgerichtet, weder Materie noch Energie verschwinden – nur das Individuum bleibt auf der Strecke. Und diesmal hatte es seinen Freund Sebastian getroffen.

Eigenartig, dachte Julius, für mich als Naturwissenschaftler ist der Tod, so schrecklich er ist, eine Konsequenz der Evolution. Ohne Tod keine Weiterentwicklung; das Alte muss dem Neuen Platz machen. Damit muss man leben und eben sterben. Aber wie ist das bei den Gläubigen, die an einen allmächtigen und sich in alles einmischenden Gott glauben? Warum loben und preisen diese selbst bei Begräbnissen Gott, der ihnen einen geliebten Mitmenschen genommen hat? Warum, überlegte Julius weiter, wird das nicht als Ärgernis gesehen? Warum gab es bei Begräbnissen nie Protest gegen die göttliche Entscheidung? War es Gleichgültigkeit, war es Angst, oder nahmen selbst die Gläubigsten an, dass man ihnen da oben ohnehin nicht zuhören würde?

Wütend trat er gegen einen Stein, ohne z