Kapitel 2
Als ich mein Büro im Verlag betrat, begrüßte mich Herr Sorge überschwänglich und fragte mich, ob er mir einen Kaffee bringen solle - der dann auch prompt ein paar Minuten später auf meinem Schreibtisch stand. Am zweiten und dritten Arbeitstag nach meinem Urlaub würde er sich zwar den Kaffee sparen, seine Freude über meine Rückkehr hielt jedoch erfahrungsgemäß noch ein paar Tage an.
Am Donnerstag fand ich ihn morgens mit nervös zuckender Nasenspitze an seinem Schreibtisch und wurde mit dem vertrauten Satz begrüßt, dass es ein großes Problem gäbe.
Das brachte mich zunächst nicht aus der Ruhe. Die meisten Probleme, die Herr Sorge als »groß« bezeichnete, entlockten mir nur ein müdes Lächeln. Wenn man drei Kinder hat, sehen »große« Probleme anders aus. Zurückgekehrt in unsere Alltagsroutine, holte ich zwei Tassen Kaffee aus der Küche und setzte mich auf einen der schwarzen Lederstühle vor seinem Schreibtisch.
Das Problem, mit dem Herr Sorge an diesem Morgen kämpfte, erwies sich wie vermutet als nervig, aber lösbar. In Zusammenarbeit mit einer Autorin, die in unserem Verlag einen esoterisch angehauchten Ernährungsratgeber publiziert hatte, wollten wir einen passenden Kalender herausgeben. Zu den Fotos auf den Kalenderblättern sollte ein kurzer, passender Text verfasst werden. Da Cosima Rockenfeller jedoch ein extrem großes Mitteilungsbedürfnis hatte, schien es ihr nahezu unmöglich, ihre Gedankenflut in nur vier Zeilen pro Bild zu packen - es sei denn, sie hätte die komplette Bildbreite ausschöpfen dürfen, was natürlich nicht vorgesehen war. Zurück in meinem Büro, griff ich nach dem Telefonhörer und feilschte in einem fast einstündigen Telefonat mit Cosima Rockenfeller bis an die Schmerzgrenze. Mit trockenem Mund konnte ich meinem Chef berichten, dass ihr Textbeitrag nun auf maximal dreißig Worte pro Seite beschränkt war. Allerdings stand die Autorin angesichts dieser Herausforderung vor einer mentalen Schaffenskrise. Erleichtert wischte sich Herr Sorge die Schweißperlen von der Stirn. Für Krisen jeder Art waren die Frauen in seinem Umfeld zuständig, und in dieser Hinsicht war er leider durch Frau Sorge und mich sehr verwöhnt.
Wenn jemand mal auf meine Krisen so viel Rücksicht nehmen würde, dachte ich schnaubend, während ich eine Reihe von Emails beantwortete. Cosima Rockenfeller betonte immer wieder, dass jedes unreflektierte Wort die Seele verletzte und sich dies in einem immer tiefer werdenden Riss in der Aura widerspiegelte. Der größte Teil der Kommunikation mit meinen pubertierenden Kindern bestand aus unreflektierten Worten; wenn das stimmte, dürfte der Riss in meiner Aura die Dimension des Marianengrabens erreicht haben.
Am Freitag hatte ich gewöhnlich frei und schlug mich durch die überfüllten Supermärkte, in denen man am späten Vormittag von Rentnern fast überrannt wurde. Diese traten ja bekanntermaßen gerne in größeren Gruppen auf und schwärmten gezielt aus, um alle Stände mit den Sonderangeboten abzugrasen.
»Erna«, brüllte es plötzlich von rechts in mein Ohr, so dass mir fast das Trommelfell auf der anderen Seite des Kopfes hinausschoss. »Guck' e mal, die Haftcreme gibt es jetzt im Dreierpack und die Hämorrhoidensalbe habbe se aach im Angebot.«
»Käthe, wo biste dann?«, erklang der Ruf aus der Gemüsetheke. »Ich hab mei Brill net uff.«
Ein durchdringender Pfiff ertönte, und vor Schreck wäre ich fast über die Palette mit den Bio-Bananen gestolpert. Die ältere Dame