Kapitel 2
Die Seefahrt
Wer zur See fahren will, braucht ein Seefahrtsbuch und ein Gesundheitszeugnis. Ich wollte Schiffsjunge an Deck und später Matrose werden und benötigte die schriftliche Bestätigung meiner Seetauglichkeit. Deshalb saß ich im vollen Warteraum der Seeberuftsgenossenschaft oberhalb des Hamburger Hafens und döste mit der Wartenummer zwischen den Fingern vor mich hin.
Erschrocken zuckte ich zusammen, als meine Nummer aus dem Lautsprecher ertönte. »Kabine acht«, wies mir die forsche Frauenstimme den Weg. Irgendwie spürte ich Pudding in den Knien, als mich Frau Doktor mit der Aufforderung begrüßte, alles auszuziehen.
»Alles?«, fragte ich nochmal nach.
»Ja, alles«, bestätigte sie sachlich. »Sie werden von Kopf bis Fuß untersucht, auch ihr Geschlechtsorgan, wegen Tripper oder Syphilis.«
Als ich entblößt und mit beiden Händen Deckung suchend, aus Kabine trat, standen noch zwei junge Mädchen neben der Frau Doktor. Die erklärte, dass die beiden Medizinstudentinnen sind und ihr Praktikum machen. Ausgerechnet bei mir – und auch den Studentinnen schien es etwas peinlich zu sein.
»Es geht nur mit ihrem Einverständnis«, sagte Frau Doktor.
Weil der Anschauungsunterricht ja schon begonnen hatte, nickte ich, was Frau Doktor als Zustimmung quittierte. Bei der Untersuchung schaltete ich ab und versuchte, an etwas anderes zu denken. Leider hatte er immer eine rege Fantasie – und dann noch im Anblick der blonden Haare. Dass sich unterhalb meiner Gürtellinie etwas tat, wurde mir erst bewusst, als die beiden jungen Damen ein Kichern unterdrückten und einen roten Kopf bekamen.
Frau Doktor kannte dieses Phänomen wohl schon. Sie nahm einen Bleistift und haute nur leicht auf meine aufrichtige Männlichkeit, sodass sie sofort in sich zusammenfiel. Sie kommentierte nach Art der lokalen Redewendungen: »Diese jungen Kerle – keinen Hintern in der Hose, aber im Puff drängeln. – So, sie können sich anziehen, alle Organe sind gesund, wirklich alle.«
Ich war froh und verschwand schnellstens in der Umkleidekabine. Das sind ja raue Sitten bei der Seefahrt, dachte ich. Beim anschließenden Augenarzt gab es eine Enttäuschung: Mein linkes Auge hatte keine volle Sehkraft.
»Sind sie mal als Kind an diesem Auge verletzt worden?«, fragte der Arzt. Ich erzählte ihm, dass ich einmal einen Schlag aufs Auge bekam, als ich das erste Mal aus der DDR flüchten wollte. »Ich kann mir ja eine Brille kaufen.«
Der Doktor schüttelte mit dem Kopf. »Wenn sie an Deck fahren wollen, müssen beide Augen volle Sehstärke haben.« So ist das Leben, eben noch ganz potent und schon wieder ganz unten. Mir schossen Tränen in die nicht seetüchtigen Augen, doch der Arzt hatte Trost für mich: »Na, nun mal Kopf hoch, dann fahren Sie eben unter Deck. Gehen sie erst mal zur Beratung in den zweiten Stock.«
Dort ging alles ganz schnell. Der Berater empfahl mir, als Kochjunge anzuheuern. Wahrscheinlich kam er darauf, weil er mir ansah, dass Essen für mich nicht unwichtig war. Weitere Tauglichkeitsmerkmale für die Arbeit in der Kombüse hatte ich jedenfalls nicht. Immerhin als einziges ein polizeiliches Führungszeugnis, in dem nicht angegeben war, dass ich auch mal ein Huhn geklaut hatte.
Hauptsache, erstmal auf ein Schiff, alles andere würde sich schon finden. Dreimal durch Deutschland, mit Hunger und Durst, in Heimen gelebt, beim Bauern gearbeitet, mit Handschellen abgeführt, all diese Demütigungen sollten vorbei sein. Eigentlich wollte ich zwar Matrose und dann Kapitän werden – und nun soll ich als Kochjunge arbeiten. Kochen war doch was für Weiber und nichts für Männer. Aber jeder irrt sich mal im Leben.
Mit meinem Gesundheitszeugnis ging ich zum Seemannsamt und erhielt mein lang ersehntes Seefahrtbuch. Jetzt gehörte ich zu den Seeleuten und durfte auch in einem Seemannsheim schlafen. Ein tolles Gefühl! Um eine Heuer zu bekommen, ging man zum Heuerstall.
Sehnsuchtsziel erreicht: Mein erstes Seefahrtsbuch – und die Einschränkungen werden zur Berufung: Ab in die Kombüse!
Ein Matrose, mit dem ich das Zimmer teilte, nahm mich mit und erklärte mir den Ablauf. Der Mann mit der Kapitänsmütze, den ich vor langer Zeit in Hamburg traf, hatte recht. Es ist nicht so einfach, Seemann zu werden; da gibt es harte Bedingungen.
Der Heuerstall war ein großer Raum mit Holzbänken und drei Luken wie Kaffeeklappen, die Bezeichnung Stall schien passend.
»Melde dich bei Luke eins, da ist Max, der ist nett«, empfahl mir mein Zimmerkumpel.
Max musterte mich über seine Brille hinweg: »Na, mein Junge, als was willst du denn fahren?«
»Als Kochjunge«, sagte ich und schob mein Seefahrtbuch durch die Luke.
»Na, dann setz dich mal wieder h