Kapitel 3
Paul starrte in das Grau und versuchte, zumindest Nuancen auszumachen. Seine eigene Hand vor Augen bewahrte ihn davor durchzudrehen. Er konnte sie sehen. Auch sonst schien er keine Gliedmaßen eingebüßt zu haben. Er sah auf sein Handgelenk. Zu dumm, die Leuchtzeiger seiner Armbanduhr bewegten sich nicht mehr. Er zückte die Digitalkamera, um ein Foto von der grauen Öde zu machen, aber das Display blieb schwarz. Ein halbherziger Versuch galt erneut dem Funkgerät. Nichts. Irgendwann, er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, kam Bewegung in das Grau. Es floss. Anders konnte Paul das nicht beschreiben. Er hatte sich vorgenommen, sich alles zu merken, was ihm auffiel. Das Grau floss, war jedoch nicht flüssig. Es wogte wie eine Welle auf ihn zu, hüllte ihn ein. Paul ahnte es eher, denn er fühlte weder einen Temperaturunterschied noch änderte sich etwas an der Luftzufuhr. Es schien wie ein Schatten, den er aus dem Augenwinkel heraus wahrnahm. Ein ziemlich langweiliger, grauer Schatten.
»Oh man, hier gibt’s ja mal nix! Das ist mit Abstand das langweiligste Universum, das man sich vorstellen kann«, rief Paul, nur, um irgendwas zu tun. »War ja klar, dass ich so was entdecke. Berta hätte eine geile Welt voller Action und Aliens entdeckt. Kacke auch. Wohnt hier wenigstens jemand?«
Erneut rollte eine graue Welle heran. Paul duckte sich, konnte aber ein weiteres kurzes Flackern vor seinen Augen nicht verhindern. »Toll, ich bin echt beeindruckt. Eine Lebensform aus Grau, die graue Wellen machen kann. Super.«
Was bist du?, hörte Paul plötzlich ein Wispern in seinem Kopf. Sogar das Grau schien gespannt innezuhalten. »Hallo?« Paul drehte sich im Kreis - glaubte er zumindest. »Hab ich das jetzt echt gehört?« Wispern war nie gut. Das wusste er aus zahlreichen Computerspielen. Wer wisperte, war ein Feind.
Ja, du hast es gehört.
Paul fuhr herum. Die Stimme war eindeutig von hinten gekommen. Doch da war nichts. Nur das allgegenwärtige Grau, das wieder zu wogen begonnen hatte.
»Wo bist du?«
Überall.
»Und wie siehst du aus?«
So, wie du mich siehst.
»Wenn du das Graue bist, bist du dann ein Geist?«
Ich weiß nicht, was ein Geist ist. Vielleicht.
»Oh man, das ist echt schwierig mit dir. Bist du ein Junge oder ein Mädchen?«
Das weiß ich nicht.
»Äh, so was weiß man doch. Und wie kommst du überhaupt in meinen Kopf?«, wunderte sich Paul. Dann seufzte er. »Ich brauche Enno, der weiß, wie er dir die Würmer aus der Nase ziehen kann.«
Das Grau schwieg.
»Wie komme ich hier raus?«
Raus aus was?
Paul stöhnte auf. »Na, raus aus dem Grau. Ich bin durch die Mauer gestiegen und durch ein Stück Dunkelheit und dann hier gelandet.«
Du kommst von der anderen Seite? Die Stimme klang jetzt aufgeregt, nicht mehr monoton wie die ganze Zeit über.
»Jahaaaa.«
Das Wogen wurde wilder. Paul musste stellenweise die Augen schließen, weil er das Gefühl hatte, verrückt zu werden, wenn er länger hinsah.
Wir haben uns beraten. Du darfst bleiben. Die Stimme klang stolz.
»Danke. Ich komme auch gerne darauf zurück