1. Simone, Max, Zoe
Mitten in der Dunkelheit, im Nichts, war plötzlich ein Gedanke:
Etwas ist mir passiert!
Simone öffnete langsam die Augen. Es war wie das Erwachen aus einem langen Schlummer, wie sie es während einer Zugfahrt nach Lausanne erlebt hatte, gedankenlos aus dem Fenster starrend. Ein Erwachen, das sich schwer einordnen ließ. Man ist sich nicht sicher, wie lange und wie fest, ja nicht einmal, ob man überhaupt geschlafen hat oder ob man nur tief in Gedanken versunken war. Manche Gedanken reißen einen aus der Zeit heraus wie der Schlaf. Es können einige Sekunden oder mehrere Stunden vergangen sein, seit man sich das letzte Mal seiner selbst bewusst war. Und die Zeit dazwischen verschwindet. Es ist erstaunlich, wie lange ein Gedanke einen in seinen Bann ziehen kann, und noch erstaunlicher ist es, wie wenig komplex er dazu sein muss. Ein einfacher Gedanke kann eine Ewigkeit ausfüllen, ohne vom Bewusstsein dabei erwischt zu werden.
Von allen Seiten her glänzte gespiegeltes Sonnenlicht in den Schaufenstern von Geschäften und Hotels. Helligkeit und Lärm. Und überall waren Menschen. Sie kamen ihr auf dem Bürgersteig entgegen, überholten sie mit hastigen Schritten. Manche lungerten einfach nur herum, lasen Zeitungen oder spähten in Abfalleimer. Livrierte Bedienstete standen bedrohlich vor den gläsernen Hotelfronten und warteten auf die Ankunft von Gästen.
Obwohl die meisten Häuser, insbesondere die Wolkenkratzer, noch nicht gestanden hatten, als sie das letzte Mal hier gewesen war, wusste Simone sofort, wo sie sich befand. Aus Tausenden von Orten hätte sie diesen problemlos wiedererkannt. Die 44th Street, dachte sie benommen. Sie lief die 44th Street in New York entlang!
Aber sie verstand nicht, wie sie hierhergekommen war. Ihr Geist war gelähmt von dem plötzlichen Erwachen. Nur ihre Beine bewegten sich, als hätten sie nie etwas anderes getan. Simone lief und konnte sich nicht daran erinnern, losgelaufen zu sein. Es gab keinen Anfang in ihren Gedanken.
Zu ihrer Rechten erspähte sie eine goldene Drehtür, die in das ausgeleuchtete Foyer eines Hotels führte. Bei dem Gedanken, der aufmerksame Blick des davor postierten Bediensteten könnte sich plötzlich mit ihrem kreuzen, sah sie rasch auf den gepflasterten Bürgersteig. Sie ahnte, dass sie nicht hier sein durfte.
Wie bei ihrer ersten Ankunft in New York fühlte sie sich, als wäre sie unvermutet in eine Traumwelt geraten. Aber diesmal war New York nicht der lange ersehnte Traum, diesmal gehörte es zu der Welt, der sie sich auf so seltsame Weise entrückt fühlte. Simone war nun eine andere.
Diesmal sagte sie: „Das bin ich!“, glaubte aber nicht so recht daran. Sie spürte ihr Anderssein so deutlich, dass sie sich all die Menschen in Erinnerung rief, die sie gewesen war, all die Mädchen und Frauen in unterschiedlichstem Alter, die einmal „Ich“ gesagt hatten und die doch nicht mehr „Ich“ waren. Sie erinnerte sich an all diese Personen in so vielen Einzelheiten. Sie wusste, was sie gedacht und gefühlt hatten, jede ihrer Handlungen konnte sie nachvollziehen.
Sie erinn