Zum Sonnenuntergang am Feuer gab es gebratene Wildtauben und geschlagenen grauen Hirsebrei zu einem feinblättrigen Salat aus Brunnenkresse. Da fragte Raphael kauend:
»Was du da vorhin mit mir und der Schlange gemacht hast, war das Tantra?« Es war das erste Mal, dass das Wort»Tantra« auftauchte. Lillith lachte schallend auf.
»Was verstehst du schon von Tantra!«, meinte sie kryptisch und warf die abgenagten Knochen dem lauernden grauen Hund zu, der sie begierig noch in der Luft auffing.
Raphael geriet ins Stottern. Er hatte sich gedacht, das Thema ganz unverfänglich anzuschneiden und sollte nun sagen, was und wie viel er von Tantra wusste. Die Bücherüber Tantra, die ihm der Verlagsleiter anvertraut hatte, hatte er gründlich gelesen, jedenfalls gründlicher als jeneüber den mittelamerikanischen Kontinent. Er durfte jedoch nicht zu belesen sein und doch interessiert genug, um sie zu ködern, selber etwas darüber zu sagen. Da hatte er eine Eingebung:
»Meine Freundin…«
»Ich weiß– Raina, nicht wahr?«, warf Lillith ein, und Raphael stutzte: Wie konnte sie den Namen seiner Freundin wissen? Schon bei der Schlange war er darüber gestolpert, hatte dann aber den Begriff»Königin« ganz allgemein auf die große Schlange bezogen.
»Also meine Freundin ist da in so einer Gruppe von Leuten, die sich Tantriker nennen und bei ihren Treffen, wo sie auch sexuell sind miteinander, allerlei spirituelle Sachen machen– meditieren und so…« Der graue Hund bettelte jetzt auch bei Raphael, und Raphael hielt ihm den Knochen nah an die Schnauze:»Na, Ax, nimm!« Er hatte den Hund nach seinem Jugendfreund benannt, und Ax hörte auch auf diesen Ruf.
Lillith schwieg, und Raphael wusste nicht, wie er weiter an dem Thema bleiben konnte.
»Warum hast du das»Da Draußen«prana genannt?«, bohrte er weiter, aber Lillith blieb wortkarg.
»Das sagt man eben so dazu«, meinte sie schmallippig und schien den Eindruck erwecken zu wollen, als sei es ein Begriff der Landessprache.
Romario erzählte jetzt ausdrucksvoll, wie er die Tauben gefangen hatte: im Flug! Dabei sprang er aus dem Sitzen auf und stieß die Hand blitzschnell in die Luft so als griffe er dort einen Vogel, den er dann an seine Brust drückte wie ein Küken.»Direto em voo!«, rief er und lachte Raphael zu.
Das Nichtstun wurde für Raphael zunehmend bedrückender. Es gab kein Radio, kein Fernsehen, kein Internet, kein Telefon, kein Fax, kein Kino, keine Zeitung, keine Zeitschrift, keine Bücher, keinen Laptop, keinen PC. Er musste nichts kaufen und nichts bezahlen. Es gab keine Bank, kein Konto, weder Soll noch Haben, kein Geld– nichts von all dem, womit er sonst seine Tage zugebracht hatte. Es konnte nirgendwohin gereist werden, gab weder Urlaub noch Arbeit, keine Uhrzeit, keinen Termin. Ihm wurde zunehmend bewusst, dass sein bisheriger Alltag angefüllt war mit diesen Dingen, aber auch, dass diese Dinge mit dem wirklichen Leben nichts zu tun hatten. Das Rauchen hatte er sich schon gleich abgewöhnen müssen; so blieb nur das blanke Leben, mit dem er nicht viel mehr anzufangen wusste als es auszuhalten. Er beteiligte sich an den täglichen Verrichtungen, hatte gelernt, seine Fingernägel mit einer Art Lavastein zu kürzen, die Haare mit einem Schildpattkamm zu striegeln, die Haut mit einer groben Seegurke abzuschrubben und mit der schäumenden Erde und einem Schwamm, den Romario selber ertaucht hatte. Das Feuer in der Feuerstelle musste immer am Brennen gehalten werden, weil es sehr mühsam war, ein Feuer mit einem Magnesiumstein und Funken in trockenes Werg schlagen neu anzumachen. Er half Lillith beim Töpfern mit einem hellgelben Ton, den sie an der Küste aus einer Schicht Erde herausschälte und in einem Erdofen brannte, der zuvor mit viel Brennholz angeheizt worden war. Dem Feuer wurde beim letzten Brenngang eine Erde zugesetzt, sodass die Außenflächen der Gefäße eine Art schwarzschillernde Glasur erhielten. Sie formte daraus große, runde Vasen, in denen sie die trockenen Bohnen, Hirse und das Manjokmehl aufbewahrte.
Das Weben mit Bastfasern, wie bei seiner Hängematte, fiel ihm schwer, da die Fasern ihm beim Vorbereiten in die Finger schnitten. Er entdeckte hingegen seinen Spaß am Spindeln von Baumwolle, die in weißen Flockenbällen an kleinen Sträuchern wuchs. Hieraus strickte, häkelte und webte Lillith Tücher, die sie mit Pflanzenfarben einfärbte und mit einer feinen Nadel aus Fischknochen vernähte.
Romario kordelte aus einer flexiblen Pflanzenfaser Schnüre, die er zu einem Fischkäscher verflocht. Aus den Fasern der Schalen der Kokosnüsse drehte er geschickt Seile für das Boot. Auch Raphael bekam ein langes Buschmesser, das er an einem besonderen Stein ständig scharf zu schleifen hatte, und lernte es als Allroundwerkzeug zu gebrauchen. Noch traf Raphael mit dem kleinen Pfeil und Bogen die Fische im seichten Wasser nur selten, weil der Blick ins Wasser täuschte. Romario zog von den erjagten Tieren den Balg ab und gerbte das Fell mit Salz in der Sonne. Aus dem weißen Fleisch der Kokosnüsse kochte LillithÖl. Dennoch schienen ihm all diese Tätigkeiten eher wie seltene Hobbys zu sein, und obwohl sie fast den ganzen Tag ausfüllten, kam er sich