Kapitel 1
Jedes Mal, wenn Rune McNamara das Labor betrat, blieb beinahe Percys Herz stehen. Mit zitternder Hand stellte er das Reagenzglas zurück in die Halterung, wischte sich die Finger an seinem weißen Kittel ab und wollte am liebsten fröhlich rufen:Hey, Sahneschnitte, was treibt dich schon wieder in meine Arme?
Stattdessen grinste er dämlich und brachte bloß ein gekrächztes »Hi« hervor.
»Hi«, sagte auch Rune, dessen tiefe Stimme wie ein Donnergrollen aus seiner Kehle drang. Im Gegensatz zu Percy grinste er nicht, sondern starrte ihn intensiv an, als würde ein Raubtier seine Beute anvisieren.
Jede von Percys Zellen prickelte wohlig. Er wäre nur zu gerne Runes Beute, doch der Kerl ging einfach nicht zum Angriff über – was ihn bald verrückt machte! Er stand total auf Runes rauchiges Timbre, genau wie auf den Rest dieses äußerst attraktiven Mannes. Nun war Percy schon nicht klein, aber Rune überragte ihn um gute zwanzig Zentimeter. Er war ein Schrank von einem Mann, der leicht den Kopf einziehen musste, wenn er in einen Raum kam. Dabei streiften seine breiten Schultern beinahe den Türrahmen. Sein hellblaues T-Shirt spannte sich über ausgeprägte Brustmuskeln sowie einen flachen Bauch; die löchrigen Jeans saßen tief auf den schmalen Hüften und betonten die langen Beine sowie den heißen Knackarsch, der sich offensichtlich unter dem Stoff verbarg.
Percy unterdrückte ein sehnsüchtiges Seufzen und fragte mit möglichst fester Stimme: »Was kann ich für dich tun?«Willst du einen Blowjob? Oder was hältst du von einem Quickie auf dem Sofa in meinem Büro? Wir brauchen nur schnell in den nächsten Raum zu gehen, keiner wird uns stören.
Für gewöhnlich war Percy kein Kind von Traurigkeit und machte jeden Typ ungeniert an, der ihm gefiel. Doch bei Rune hielt ihn irgendeine unsichtbare Macht zurück. Percy spürte instinktiv, dass dem sexy Kerl solch ein Überfall nicht schmecken würde, und er wollte ihr gutes Arbeitsverhältnis nicht gefährden.
Trotzdem gab er die Hoffnung auf einen netten Quickie nicht auf und hatte sogar sein Büro aufgeräumt – zum ersten Mal, seit er hier arbeitete! Normalerweise bekam das keiner zu sehen, weil sich dort meterhoch Akten stapelten, sogar auf dem Boden und der Couch.
Wie immer schien die Zeit stillzustehen, während sie sich einfach nur betrachteten und Percy auf eine Antwort wartete. Endlose Sekunden lang verlor er sich in den goldbraun schillernden Iriden, die durch den Dreitagebart besonders intensiv leuchteten. Danach lenkte er sein Augenmerk auf Runes sinnlichen Mund, als sich dieser kurz auf die Unterlippe biss. Dieser göttliche Mund fühlte sich bestimmt seidenweich an!
Schnell richtete Percy den Blick auf Runes etwas zu breite Nase und die hohen Wangenknochen, die in dem kantigen Gesicht deutlich hervorstachen. Percy würde das Antlitz nicht unbedingt als schön bezeichnen, aber als äußerst faszinierend. Eingerahmt wurde es von einer wallenden braunen Mähne, die ein Lederband im Nacken zusammenhielt. Bisher hatte Percy nur herausgefunden, dass Rune McNamara ein Löwenwandler war, von denen es in New York kaum noch welche gab, und genau so wirkte der Kerl auch: wie ein stolzer, majestätischer, starker Löwe, der sich trotz seiner Größe erstaunlich geschmeidig bewegen konnte.
»Hast du schon neue Erkenntnisse über die ermordete Frau?«, fragte Rune, und erneut durchdrang dessen tiefe, leicht grollende Stimme jede von Percys Poren.
Ich könnte ihm den ganzen Tag zuhören, dachte er und räusperte sich hart. »Ja, komm mit.«
Er spürte Rune dicht hinter sich, als er zum Kühlraum, den er als »Leichenkeller« bezeichnete, voranschritt. Vor der Glastür blieb er stehen, um den Zutrittscode einzugeben, den nur er sowie der Chef des Departments besaßen. Die Tür ließ sich zwar auch mit einem Chip öffnen, den Pe