: Hannes Heise
: Chancengleichheit durch »neue Steuerung«? Konzepte, Wirkungsprozesse und Erfahrungen am Beispiel des englischen Schulsystems
: Herbert Utz Verlag
: 9783831640249
: 1
: CHF 23.90
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 244
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Begriffe wie Wettbewerb, Leistungsmessung, Schulautonomie und Privatisierung prägen seit nunmehr 20 Jahren Bildungsreformen in aller Welt ? obwohl zahlreiche Untersuchungen darauf hingewiesen haben, dass eine sogenannte »neue Steuerung« die Gefahr zusätzlicher Bildungsbenachteiligung mit sich bringt. Hannes Heise ging der Frage nach, inwiefern eine Verknüpfung von chancengleichheitsorientierte und wettbewerbsorientierter Bildungspolitik möglich ist. Zu diesem Zweck untersuchte er Reformen des englischen Schulsystems durch die Labour-Regierung (1997?2010). Dabei wird deutlich, dass einer bildungspolitischen Verknüpfung von Chancengleichheit und Wettbewerb sehr enge Grenzen gesetzt sind ? und wiederum Nebenwirkungen in Erscheinung treten, die erneut zur Diskriminierung ohnehin gesellschaftlich benachteiligter Gruppen führen.
6. Wirkungsprozesse der Bildungsreformen in der Praxis (S. 161-162)

In Kapitel 5 wurden Reformprogramme zur Förderung von Chancengleichheit im englischen Schulsystem dargestellt und in Hinblick auf ihre Steuerungslogik analysiert. Dabei galt es zu klären, inwiefern‚neue‘ Steuerungsmechanismen konzeptionell in die untersuchten Reformen integriert sind. Im Rahmen dieses Kapitels wird der Fokus auf die Implementierung der Reformen gelegt und nach den Prozessen gefragt, die sich daraufhin im Schulsystem entfalteten.

Als Grundlage dienen 24 Einzel- und Gruppen-Interviews mit SchulleiterInnen und deren StellvertreterInnen aus sieben Primar- und Sekundarschulen, mit VertreterInnen regionaler und nationaler NGOs, mit LeiterInnen von vier verschiedenen LAs sowie mit ExpertInnen aus dem Ministerium DCSF und aus quasi-ministeriellen Organisationen (Ofsted, QCA, GTC; vgl. Kap. 4.1).

Die Interviews wurden mit Hilfe offener Leitfäden durchgeführt und im Sinne einer inhaltlichen Strukturierung qualitativ inhaltsanalytisch ausgewertet (vgl. Kap. 1.1). Die Konzeption der Leitfäden war darauf ausgerichtet, Wirkungsprozesse der untersuchten Reformen aus Sicht der Akteure zu thematisieren und dabei insbesondere den Einfluss‚neuer‘ Steuerungsmechanismen zu berücksichtigen. Die Gliederung dieses Kapitels ist an den unterschiedlichen Interventionsformen orientiert, die bei den Reformen zum Einsatz kamen. Zunächst sollen Strukturreformen und Handlungsvorgaben, anschließend Formen datenbasierter Steuerung untersucht werden.

6.1 Staatliche Intervention durch Strukturreformen und Handlungsvorgaben


Bei der Verzahnung von Bildungs- und Sozialleistungen im Rahmen der‚Every Child Matters‘-Agenda handelt es sich um eine Strukturreform, die keinem bestimmten Steuerungsparadigma zugeordnet werden kann. Eine Neuregelung von Zuständigkeiten innerhalb des Schulsystems stellt eine Interventionsmöglichkeit des Ministeriums dar, die unabhängig ist von verschiedenen Steuerungsparadigmen. Bei der im großen Stil angelegten Umwandlung von Community Schools in Academy und Trust Schools handelt es sich zwar ebenfalls um eine Strukturreform, als Privatisierungsmaßnahme ist sie jedoch eindeutig dem‚neuen‘ Steuerungsparadigma zuzuordnen.

Bei der‚Race Relations‘- Gesetzgebung handelt es sich hingegen um eine rechtsverbindliche, prozessorientierte Handlungsvorgabe, die dem hierarchischen Steuerungsparadigma zuzuordnen ist. Diese drei Interventionsformen sollen im Folgenden untersucht werden. Anschließend werden unterschiedliche Formen datenbasierter Steuerung als weitere Option ministerieller Intervention behandelt."
Inhalt6
1. Einleitung9
1.1 Anlass und Gegenstand9
1.2 Leitfragen und Ziele15
1.3 Methodologische Überlegungen16
1.4 Gliederung der Studie23
2. Chancengleichheit und Diskriminierung26
2.1 Chancengleichheit als gesellschaftlicher Diskurs26
2.1.1 Gerechtigkeit als Chancengleichheit27
2.1.2 Kritik am Chancengleichheitsbegriff33
2.1.3 Der empirische Streit um die Chancengleichheit36
2.1.4 Chancengleichheit und Wettbewerb38
2.2 Diskriminierung als Forschungsgegenstand39
2.3 Zwischenfazit: Institutionelle Diskriminierung im Kontext des Chancengleichheits-Diskurses47
3. ‚Neue‘ Steuerung im Bildungswesen49
3.1 ‚Neue‘ Steuerung als internationaler Trend des Regierens49
3.1.1 Bezugstheorien des ‚neuen‘ Steuerungsmodells51
3.1.2 Steuerung durch De- und Rezentralisierung54
3.1.3 Steuerung durch Leistungsvereinbarungen und -kontrollen56
3.1.4 Steuerung durch Wettbewerb60
3.1.5 Interaktionen und Überlagerungen von Steuerungsmecha-nismen65
3.1.6 Das terminologische Problem mit der ‚neuen‘ Steuerung68
3.1.7 Chancengleichheit im Kontext ‚neuer‘ Steuerung69
3.2 Educational Governance als Forschungsper-spektive73
3.2.1 Verfügungsrechte statt Hierarchien76
3.2.2 Die Handlungen der Akteurskonstellation77
3.2.3 Das Mehrebenensystem als Handlungskontext78
3.2.4 Anforderungen an aktuelle Governance-Studien79
3.3 Zwischenfazit: Die Trennung von Reformpro-gramm und Analyseperspektive83
4. Kontextualisierung: Strukturelle und historische Rahmenbedingungen der Schulbildung in England85
4.1 Hauptakteure der Steuerung im englischen Schulsystem86
4.2 Die Struktur des englischen Schulsystems88
4.3 Migrationsspezifische und sozioökonomische Bildungsbenachteiligung im Vereinigten Königreich94
4.3.1 Die Geschichte der Einwanderung in das Vereinigte König-reich94
4.3.2 Ethnische Minderheiten im Vereinigten Königreich96
4.3.3 Ethnische Bildungsbenachteiligung im Vereinigten König-reich98
4.3.4 Bildungsbenachteiligung im Vereinigten Königreich im in-ternationalen Vergleich100
4.4 Englische Bildungspolitik seit den 1940er Jah-ren106
4.4.1 Der ‚Education Reform Act‘ 1944106
4.4.2 Der ‚Education Reform Act‘ 1988107
4.4.3 Der Regierungswechsel 1997115
4.5 Zwischenfazit: Chancengleichheit in der engli-schen Bildungspolitik122
5. Die Steuerungslogik der Reformpro-gramme124
5.1 Chancengleichheit durch Bedarfsorientierung? Der ‚Ethnic Minority Achievement Grant‘125
5.1.1 Befunde der Wirkungsforschung126
5.1.2 Die Steuerungslogik des EMAG128
5.2 Chancengleichheit durch Prozessvorgaben? Der ‚Race Relations Act‘130
5.2.1 Race Relations (Amendment) Act131
5.2.2 Befunde der Wirkungsforschung136
5.2.3 Die Steuerungslogik des ‚Race Relations Act‘138
5.3 Chancengleichheit durch Strukturreformen und Output-Steuerung? Die ‚Every Child Matters‘- Agenda139
5.3.1 Strukturelle Integration der Bildung- und Sozialleistungen140
5.3.2 Output-Orientierung144
5.3.3 Befunde der Wirkungsforschung145
5.3.4 Die Steuerungslogik der ‚Every Child Matters‘-Agenda146
5.4 Chancengleichheit durch High-Stakes-Testing? Der ‚Children‘s Plan‘147
5.4.1 Fortgesetzte Outputorientierung148
5.4.2 Fördern und Fordern: Die ‚National Challenge‘150
5.4.3 Die Steuerungslogik des ‚Children‘s Plan‘154
5.5 Zwischenfazit: Die Renaissance ‚neuer‘ Steue-rung156
6. Wirkungsprozesse der Bildungsrefor-men in der Praxis162
6.1 Staatliche Intervention durch Strukturreformen und Handlungsvorgaben162
6.1.1 Strukturreform durch Verzahnung von Bildungs- und Sozi-alleistungen163
6.1.2 Strukturreform durch Privatisierung168
6.1.3 Handlungsvorgaben178
6.2 Staatliche Intervention durch datenbasierte Steuerung181
6.2.1 Querschnittdaten181
6.2.2 Kontext- und Längsschnittdaten182
6.2.3 Prozessdaten190
6.2.4 Die Qualität verschiedener Datentypen195
6.3 Konsequenzen schulischer Qualität198
6.3.1 Sanktionen und Anreize199
6.3.2 Ressourcenvergabe202
6.3.3 Marktmechanismen206
6.3.4 Die Hierarchie verschiedener Datentypen211
7. Schlussbetrachtung: Anforderungen an eine ‚neue‘ Steuerung zur Förderung von Chancengleichheit220
8. Literatur230