Stadtgeschichte im Hellenismus Die lokalhistoriographischen Vorgänger und Vorlagen Memnons von Herakleia
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Uwe Heinemann
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Stadtgeschichte im Hellenismus Die lokalhistoriographischen Vorgänger und Vorlagen Memnons von Herakleia
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Herbert Utz Verlag
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9783831609741
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1
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CHF 28.40
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Altertum
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German
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308
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DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
Durch das Exzerpt des Byzantiners Photios ist uns mit Memnon (1./2. Jhdt. n. Chr.) eine bis ins Einzelne vom Geist des Hellenismus geprägte Stadtgeschichte der regional bedeutenden Polis Herakleia am Pontos erhalten geblieben, was umso mehr Beachtung verdient, als wir kein weiteres nennenswertes Zeugnis des einst reichen Genres hellenistischer Lokalhistoriographie besitzen.
In der vorliegenden Arbeit wird besonders die erste Werkhälfte Memnons, die hauptsächlich auf den herakleotischen Politiker und Historiographen Nymphis (3. Jhdt. v. Chr.) zurückgeht, einer eingehenden historisch-philologischen Analyse unterzogen, die es ermöglicht, die Stadt- und Lokalgeschichte dieses namhaften Vorgängers, eines Zeitgenossen der Diadochenkriege, teils bis ins Detail zu rekonstruieren; für Domitios Kallistratos, wohl Fortsetzer des Nymphis im ersten vorchristlichen Jahrhundert, auf den Memnon in der zweiten Werkhälfte zurückgriff, gilt Ähnliches.
Auf diese Weise eröffnet die Arbeit am Beispiel des pontischen Herakleia und seiner großen städtischen Geschichtsschreiber wertvolle, bisher verstellte Einblicke in das Wesen einer für die Antike wichtigen historiographischen, allgemeiner literarischen Form.
III. Domitios Kallistratos (FgrHist 433)
(S. 239-240)
Obgleich unsüber diesen herakleotischen Autor ausnehmend wenig bekannt ist, möchte ich nicht darauf verzichten, das Wenige hier zu erörtern, war Domitios Kallistratos nach JACOBYsÜberzeugung860, die vor mir schon JANKE aufgegriffen hat861, doch Memnons Vorlagenautor für die Kapitel XVIII bis XL des heutigen Exzerptes862, also ursprünglich für den zweiten Teil von Buch 14, ganz gewiss für die Bücher 15 und 16 sowie möglicherweise noch darüber hinaus– dies entzieht sich jedoch unserer Kenntnis, da das Memnon-Exzerpt mit dem Ende des 16. Buches ~ Kap. XL abbricht.
1. Autor und Werk. Das Verhältnis zu Memnon
Kallistratos’ Stadtgeschichteüber Herakleia umfasste„7 (und vielleicht nicht mehr) Bücher“, wie JACOBY erklärt863; schon zu Beginn des XVIII. Kapitels bei Memnon erkennen wir, dass nunmehr die Römer das beherrschende Thema sind, was im Hinblick auf ihre (zunehmend massive) Einflussnahme in Kleinasien, der Pontosregion und (anfangs freundlich, später mehr und mehr feindlich) auf Herakleia nicht verwundert.
Im Grunde musste jeder herakleotische Lokalhistoriograph seit 190 v. Chr., dem Jahr desÜberganges der Römer nach Kleinasien, die neue dominierende Macht in der Region sehr wichtig nehmen, sie dem Leser in den verschiedensten Exkursen (ein gutes Beispiel für einen solchen Exkursüber die römische Vorgeschichte bis 190 v. Chr. bietet eben Memnon nach Kallistratos in XVIII 1-5864) und in der fortlaufenden Schilderung in vielfältiger Hinsicht vorstellen; genau das tat Domitios Kallistratos, soweit wir es aus der Bearbeitung Memnons und nach Photios’ Selektionen noch erkennen können:
Indes weiß Memnon etwaüber die Mithridatischen Kriege, jene Auseinandersetzungen der Römer mit dem König Mithridates VI. Eupator von Pontos, und ihre Auswirkungen auf Herakleia nicht selten so fundiert und detailreich zu berichten– dies gilt insbesondere für den Dritten Mithridatischen Krieg (73 bis 63 v. Chr.865), in dessen Verlauf die Stadt 70 v. Chr. in die Hände der Römer fiel–, dass kein Zweifel daran besteht, wie umfassend seine Vorlage Kallistratosüber diese Kriege informiert war und als Autor der Vorgängerschrift seinerseits das (herakleotische) Lesepublikum einmal informiert hat; dieses detaillierte Wissen in Bezug auf einen ganz bestimmten Zeitraum liefert uns den einzigen nennenswerten Anhaltspunkt, von dem aus (vorsichtige) Rückschlüsse auf Kallistratos’ Biographie denkbar sind.
Da bei Memnon nicht nur die Ereignisse des Dritten Mithridatischen Krieges (selbstredend aus herakleotischer Sicht), sondern auch das Schicksal der ai¦xma¿lwtoi aus Herakleia866 beschrieben werden, die im Zuge dieses Krieges auf die Eroberung der Stadt867 nach Rom verbracht wurden, gehen MÜLLER und letztendlich auch JACOBY868 davon aus, dass Memnons Quelle Kallistratos– sein römisches‚praenomen’ Domitius gibtüberdies hinreichend Anlass zu der Vermutung– einer jener Kriegsgefangenen war, die„im Jahre 71/70 v. Chr.“869 in die Stadt am Tiber gelangten.
Dort müsste Kallistratos durchaus einige Jahre 870 im Hause eines Angehörigen der gens Domitia gelebt haben, wodurch er (möglicherweise vergleichbar mit Polybios)„in die Tiefe des römischen Wesens gehende Einblicke“– natürlich in den Alltag und Verwandtes, besonders aber in die mores, die Geschichte, die Denkungsart der Römer– gewinnen konnte, welche seinem Werk in den römischen Belangen zu einem hohen Grad an„profunder Kompetenz“ verhalfen.
Vorwort
6
Inhalt
8
I. Vorbemerkungen. Die frühen herakleotischen Logographen und Historiker
15
II. Nymphis von Herakleia
17
1. Biographisches. Der zeitliche Rahmen von Nymphis’ Stadtgeschichte
17
2. Einführung in die fragmenta Nymphidis (FgrHist 432)
19
3. Memnon Kap. IX bis XVII
219
III. Domitios Kallistratos (FgrHist 433)
242
1. Autor und Werk. Das Verhältnis zu Memnon
242
2. Die Kallistratos-Fragmente
245
3. Ergebnisse der Kallistratos-Studien
257
IV. Resümee
261
Anhang
272