Systemische Psychologie
:
Guido Strunk, Günter Schiepek
:
Systemische Psychologie
:
Spektrum Akademischer Verlag
:
9783827417107
:
1
:
CHF 27.90
:
:
Geisteswissenschaften, Kunst, Musik
:
German
:
356
:
DRM
:
PC/MAC/eReader/Tablet
:
PDF
Systemische Psychologie ist eine systematische und verständliche Einführung in die Theorien komplexer Systeme - die sich insbesondere durch Selbstorganisation strukturieren und selbst steuern können. Das Verständnis selbstorganisierender Prozesse liefert nicht nur eine spannende theoretische Perspektive, um das komplexe menschliche Verhalten, Wahrnehmen, Denken und Fühlen zu verstehen, sondern es bietet auch methodische Ansätze, um Interaktionsprozesse zwischen Menschen zu beschreiben und zu analysieren. In diesem Sinne verstehen wir Systemische Psychologie als einen Zugang zum bio-psycho-sozialen System Mensch, der intra- und interindividuelle Prozesse der Struktur- und Musterbildung modelliert und analysiert.
Das Adjektiv"systemisch" steht also für einen disziplinübergreifenden methodischen Ansatz, der als Alternative zu linearen, mechanistischen, aber auch kybernetischen Modellen dargestellt wird - und nicht auf eine bestimmte Psychotherapieschule beschränkt! bleibt. Systemische Psychologie ist ein Einführungsbuch in die Prozesse der menschlichen Interaktion, die nicht nur für Psychologen, sondern auch für medizinische Psychotherapeuten, Sozialwissenschaftler, Manager und Organisationsberater einen wissenswerten Schlüssel zum Erfolg bei Therapie, Beratung und Management liefern.
4.4 Chaos, ein schwer zu definierendes Phänomen
(S.94-95)
Die prominenteste und sicherlich populärste Verhaltensweise nichtlinearer dynamischer Systeme ist die chaotische Systemdynamik. Obwohl der Begriff des Chaos relativ alt ist und weit in die archaische Mythologienwelt der Menschheit zurückreicht (vgl. Paslack 1996), ist die Definition einer chaotischen Systemdynamik nur schwer zu geben. Vor dem Hintergrund einer physikalisch-mathematischen Perspektive stellt sich sogar die Frage neu, welcher Chaosbegriff verschiedenen Schöpfungsmythologien zu Grunde liegt. Ein völlig strukturloses „Tohuwabohu" ist praktisch nur schwer vorstellbar und findet sich bei näherer Betrachtung in kaum einer Schöpfungsmythologie (Paslack 1996, S. 13 f.). Immer schon ist auch im Chaos des Urzustandes der Welt eine Ordnung als Keimzelle angedeutet oder erscheint es als produktives Element, welches die Ordnung der Welt hervorzubringen vermag.
Am ehesten ließe sich ein solch chaotischer Urzustand mit einer Wüste, einer ebenen Sandfläche vergleichen. Dem Beobachter erscheint der Sand als strukturlose Menge, bei der die einzelnen Sandkörner ohne jede erkennbare Ordnung nebeneinander liegen. Ein Spiegel ließe sich beliebig im Sand platzieren, ohne dass sich ein anderes Bild zeigen würde. Eine völlig ebene Sandfläche wäre, egal wie groß oder wie klein ein Beobachtungsausschnitt gewählt wird, immer mit sich selbst identisch. Mathematisch gesprochen wäre sie eine maximal symmetrische Ebene. Ganz im Gegensatz zu der hier diskutierten Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit einer völlig chaotischen Strukturlosigkeit entdeckte Poincaré Chaos in einer ganz anderen Form und in einer Klasse von physikalischen Systemen, für die es eigentlich nicht zu vermuten gewesen wäre. Die Beschreibung der Planetenbahnen von nur drei Planeten, für die zudem der 2. Hauptsatz der Thermodynamik vernachlässigt werden kann, sollte eigentlich möglich sein, ist jedoch praktisch nicht durchführbar, da bereits kleinste Verstörungen in kürzester Zeit zu einem veränderten Verhalten führen. Dieses veränderte Verhalten ist jedoch keinesfalls strukturlos und wahllos, es folgt den internen Mechanismen des Systems. Diese operieren jedoch als gigantischer Verstärker kleinster Störungen.
Eines der Hauptkriterien bei der Definition von Chaos aus der Sicht der Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme ist daher die sensible Abhängigkeit des Systemverhaltens von kleinen Fluktuationen. Liegt Chaos vor, dann streben beliebig nahe benachbarte Punkte im Phasenraum im Verlauf der Zeit exponentiell auseinander. An diesem zentralen Definitionsmerkmal sind zwei Aspekte besonders hervorzuheben:
1.
Exponentielle Divergenz
. In chaotischen Systemen streben nahe benachbarte Trajektorien nicht wahllos und beliebig auseinander. Sie divergieren exponentiell, sodass sich eine kleine Störung zwar lawinenartig vergrößert, sich aber dennoch nicht zufällig auswirkt. Das System macht keine Sprünge; es springt im Phasenraum nicht wahllos hin und her, wie es sich z. B. bei der Phasenraumdarstellung eines Glückspiels zeigen würde.
2.
Divergenz bedingt Konvergenz
. Würden die Trajektorien eines Systems nur divergieren, so würde sich der Phasenraum beständig vergrößern. Tatsächlich ist es ein Merkmal der chaotischen Systemdynamik, dass sich der Phasenraum trotz exponentieller Divergenz nahe benachbarter Punkte mit der Zeit nicht vergrößert, da die exponentielle Divergenz auf der einen Seite durch konvergente Entwicklungen auf der anderen wieder aufgefangen wird. Anschaulich wird dies durch die so genannte Bäckertransformation beschrieben. Ebenso wie ein Bäcker einen Teig zunächst auswalzt und dehnt, um ihn danach wieder zusammenzufalten, dehnt und faltet sich auch ein chaotischer Attraktor (vgl. Abbildung 60, S. 215). Wenn sich aber Divergenz und Konvergenz im Durchschnitt die Waage halten, wird es unter Umständen schwierig, Chaos in empirischen Systemen schlüssig zu identifizieren. In der Regel wird dann von Chaos gesprochen, wenn der Nachweis gelingt, dass nahe benachbarte Trajektorien exponentiell divergieren. Dass entfernte Trajektorien mit der Zeit konvergieren, fällt beim praktischen Nachweis von Chaos nicht ins Gewicht.
Geleitwort
6
Inhalt
8
Einleitung
12
I. Systemtheoretische Grundlagen
14
1. Was ist ein System?
16
1.1 Konkretisierung des Systembegriffs
16
1.2 Zum Nutzen des Systembegriffs
19
1.2.1 Umgangssprachliche Verwendung des Systembegriffs
19
1.2.2 Der mathematisch-naturwissenschaftliche Systembegriff
20
2. Von der klassischen Mechanik zur Kybernetik
22
2.1 Klassische Mechanik: Die Maschinenmetapher menschlichen Verhaltens
23
2.2 Formale Gesichtspunkte der klassischen Mechanik
28
2.3 Der kybernetische Ansatz
31
2.4 Formale Gesichtspunkte des kybernetischen Ansatzes
34
2.5 Von der klassischen Mechanik zur Kybernetik – Entwicklungen in der Psychologie
38
2.5.1 Klassisch-behaviorale Ansätze
38
2.5.2 Der Behaviorismus und die klassische Verhaltenstherapie
42
2.5.3 Zusammenfassung: Klassisch-behavioral orientierte Ansätze als Ausdruck einer mechanischen Weltsicht
45
2.5.4 Der kybernetische Ansatz der Verhaltenssteuerung
46
2.5.5 Streit der Schulen: Die Optimisten und die Pessimisten
48
2.5.6 TOTE-Einheiten und Plankonzept
50
2.5.7 Das Plankonzept in der Psychotherapie
54
2.5.8 Zusammenfassung: Der kybernetische Ansatz der Verhaltenssteuerung Der Regelkreis als Kernbaustein menschlichen Verhaltens
55
3. Anomalien – Verunsicherungen der Normalwissenschaften
57
3.1 Das Ende der Ewigkeitsvorstellung: Die Entdeckung der Vergänglichkeit
58
3.1.1 Wie es lebende Systeme vermögen, sich dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik zu widersetzen
62
3.1.2 Kann Ordnung aus Unordnung entstehen?
62
3.2 Henri Poincaré und das Drei-Körper-Problem
64
3.3 Edward Lorenz und das Wetter
70
3.4 Komplexe Ökosysteme
72
3.5 Chemische Oszillatoren
80
4. Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme
85
4.1 Die Theorie Dissipativer Systeme
85
4.1.1 Dissipative vs. konservative Systeme
87
4.1.2 Selbstorganisation in dissipativen Systemen
89
4.2 Synergetik
90
4.2.1 Grundlegende Konzepte der Synergetik
91
4.2.2 Ordnungsparameter und Attraktoren
94
4.2.3 Kartierung des Systemverhaltens
97
4.3 Fraktale Strukturen und das Konzept der Dimensionalität
100
4.3.1 Begriffsbestimmung
100
4.3.2 Dimensionskonzepte
101
4.4 Chaos, ein schwer zu definierendes Phänomen
105
4.4.1 Voraussetzungen für das Auftreten von Chaos
110
4.4.2 Einordnung des Chaosbegriffes im Rahmen der Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme
111
4.5 Formale Aspekte d