Selbstbestimmen Gehirnforschung und die Frage: Was sollen wir tun?
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Manfred Spitzer
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Selbstbestimmen Gehirnforschung und die Frage: Was sollen wir tun?
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Spektrum Akademischer Verlag
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9783827414892
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1
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CHF 25.50
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Naturwissenschaft
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German
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445
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DRM
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PC/MAC/eReader/Tablet
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PDF
"Dieses Buch ist für alle, die nach Selbsterfahrung - im besten Sinne des Wortes als Selbsterkenntnis - streben und über mehr entscheiden wollen oder müssen als ihre nächste Mahlzeit", schreibt Manfred Spitzer in seinem neuen Sachbuch, das Selbstbestimmen zu einer spannenden neuen Erfahrung macht. Menschen bewerten dauernd. Und das führt längerfristig zu Werten. Und beides treibt uns um - dauernd, denn wir müssen uns beständig entscheiden: Ob Wurst- oder Käsebrot, Auto oder Bahn, Urlaub oder Rente, kaufen oder verkaufen, Schwarz-Gelb oder Rot-Grün, Kinder oder keine, mit Paul oder mit Herbert.
Und zuletzt gibt es nichts Gutes, außer man tut es: Entscheidungen müssen in die Tat umgesetzt, sie müssen zu Handlungen werden; man muss wählen gehen, essen kochen und Kinder kriegen. Nachdenken allein führt zu gar nichts. Worauf aber sind unsere Bewertungen gegründet? Wie entscheiden wir uns? Was treibt uns beim Handeln an? Kurz: Wie bestimmen wir, was wir tun und vor allem: Was sollen wir tun? In jedem Bereich und auf allen Ebenen stellt sich diese Frage, man hat den Eindruck, mit immer größerer Dringlichkeit.
In diesem Buch über Gehirnforschung geht es nicht um schnelle Antworten, sondern darum, besser zu verstehen, wie wir bewerten, entscheiden und handeln. Nur wenn wir verstehen, warum wir was ohnehin dauernd tun und welche Fehler wir dabei machen, im Denken und im Handeln, haben wir eine Chance, die Frage danach, was wir tun sollen, sinnvoll und besser als bisher zu beantworten. Dieses Buch ist für alle, die über mehr bestimmen wollen oder müssen als ihre nächste Mahlzeit.
6 Von der Lust zur Bedeutung
(S.129)
Was Lust ist, weiß jeder, weil er sie manchmal hat und manchmal nicht. Unklar scheinen die Dinge bei den Begriffen Emotion und Motivation zu werden. Dabei ist die Sache im Grunde recht einfach: Wer Durst und Hunger hat, der mag trinken und essen. Das Trinken und Essen bereitet ihm Lust.
Deswegen ist jemand motiviert, sich Trinken und Essen zu verschaffen. Motivation folgt also einem inneren Bedürfnis nach Gleichgewicht (von Zucker, Wasser und bestimmten Ionen im Blut und den Zellen des Körpers). Wenn das Gleichgewicht durcheinander kommt, was nach einiger Zeit des Nichtstuns von ganz alleine geschieht, dann entstehen Durst und Hunger, und diese Bedürfnisse beeinflussen Entscheidungen und Handlungen.
Sie tun dies, je nach Stärke, auf subtile bis sehr deutliche Art. Wer hungrig Lebensmittel einkauft (sollte man nicht!), wird im Supermarkt mehr Geld lassen als jemand, der dies nach dem Essen tut. Diese alte Binsenweisheit – und hierzu gibt es experimentelle Untersuchungen – trifft auch dann zu, wenn man sich dagegen wehrt oder wenn man gar nicht bemerkt, dass man Hunger hat.
Wer in der Wüste am Verdursten ist und einen anderen mit einem Glas Wasser trifft, der wird ein Vermögen für das Wasser bezahlen. Ein ganz einfaches Glas Wasser ist ihm dann sehr viel wert. Bei den Emotionen liegt die Initialzündung, wie man sagen könnte, nicht wie bei der Motivation im Innern, sondern außerhalb des Körpers. Ich habe Angst vor ..., bin wütend auf ..., freue oder ärgere mich über ..., ekle mich vor ... und liebe ...
Wer oft Durst auf ein Bier oder Hunger auf Bratkartoffeln hat, wird bemerken, dass die Untersuchung des Sprachgebrauchs und der Valenz von Verben bei der Unterscheidung von Motivation und Emo- tion wenig hilft.
Man kann hierauf auf zweierlei Art reagieren: Zum einen kann man sagen, dass die Sprache wie so oft sehr weise ist und eine Unterscheidung sein lässt, die ohnehin wenig sinnvoll ist (denn die Prozesse der Emotion und Motivation sind sich sehr ähnlich), oder man kann sagen, dass die physiologische Analyse eben Unterscheidungen machen kann, die die Sprache eher verwischt (z.B. die zwischen der Osmolarität des Blutes als Motivator und dem Wunsch nach einem Bier als kognitiv-emotionale Ausgestaltung der Rahmenbedingungen der motivierten Handlung). Aber lassen wir die Begriffsklauberei und wenden uns dem zu, wie die Dinge wirklich sind.
Lust bis in den Tod
Im Jahre 1989 lernte ich während meiner ersten Gastprofessur an der Harvard Universität den Neurobiologen David Potter (mit einem gewissen Harry Potter nicht verwandt oder verschwägert) kennen, der ein sehr eigenartiges Forschungsprogramm hatte. Er war ein guter und bekannter Wissenschaftler, hatte im Labor der Nobelpreisträger David Hubel und Thorsten Wiesel am Sehsystem gearbeitet und war es gewohnt, den Dingen in neurobiologischer Hinsicht bis ganz auf den Grund zu gehen.
Er hatte sich nicht nur mit dem Sehen, sondern auch mit anderen Funktionen beschäftigt und ganz offenbar viele Tiere beobachtet, wie sie nach Lust und Belohnung strebten. Bereits in den 1960er Jahren hatte man die belohnenden Eigenschaften bestimmter Nervenzellen an ganz bestimmten Orten des Gehirns von Ratten dadurch untersucht, dass man den Tieren kleine Drähte (Elektroden) ins Gehirn einpflanzte und diese dann mit einem Schalter und einem Impulsgenerator so verband, dass die Tiere ihre eigenen Nervenzellen selbst stimulieren konnten.
Inhalt
8
Vorwort
14
1 Einleitung
20
Brötchen ganz aus freien Stücken?
20
Genetik
22
Determinismus: Wurzeln in der Vergangenheit
24
Frühere Wurzeln und Zerrbilder
25
Gehirnforschung und Genetik
28
Nichts tun geht nicht
30
Mutter Teresa, egoistische Gene und unfreie Handlungen
30
Ein Gehirn in der Hand
32
Das Gehirn eines Nobelpreisträgers
33
Das Gehirn einer Terroristin
36
Eingeschlossen
39
Der Aufbau des Buches
40
Teil I Erfahren
44
2 Spuren
46
Spuren im Gehirn
48
Synapsen und ihre Stärken
50
Repräsentationen
53
Karten im Kopf
55
Spuren verfestigen sich automatisch
57
Rauschen verschiebt kritische Perioden
60
Fazit: Gedächtnisspuren im Gehirn
65
3 Vernetzte Ebenen
68
Vom Rekex zur Zwischenschicht
69
Karten im Netz des Sehens
73
Das Gehirn von Homer Simpson
83
Vom Input zum Output mit 1,4 kg
86
Fazit: Locke und Leibniz im Labor
87
4 Entwicklung
90
Babies im Scanner: Spuren der Sprache
92
Gehirne saugen (bei) Neuigkeit
95
Neugeborene und Affen
97
Klang und Bedeutung: aktives Sprechen als Modul?
98
Regeln lernen
101
Der Säugling als Wissenschaftler
104
Sind viele Synapsen besser als wenige?
108
Reifung ersetzt den Lehrer
111
Frontale Ineffizienz zu Beginn der Pubertät
114
Fazit
118
5 Genetik und Umwelt
120
Ein Schaf verändert die Welt
120
Acker und Samen
123
Zwillinge
125
Böse und liebe Äffchen und deren Mütter
127
Kriminalität und Kinderstube
129
Stress, Gene und Depression
132
Welche Gesellschaft soll es sein?
142
Fazit
143
Teil II Bewerten
146
6 Von der Lust zur Bedeutung
148
Lust bis in den Tod
149
Glück und Sucht im Lustzentrum
151
Besser als erwartet
153
Bedeutung und die Etikettierung von Reizen
156
Bedeutung, Glück und Dopamin
159
Bedeutung, Spaß, Liebe und Sucht
161
Im Durchschnitt überdurchschnittlich
163
Glück und Bewegung
164
Wahrscheinlichkeit und Unsicherheit
165
Zur Neurobiologie von Neugierde und Abenteuer
168
Risiko und Dauerlottoschein
171
Fazit: „Dopamean“
172
Postskript: Dopamin und Heidegger – Ontologie und Gehirnforschung
174
7 Vom Bewerten zu Werten
178
Sprachzentrum und Wertzentrum
178
Bewertungskortex
183
Das Gehirn von VietnamKVeteranen
186
Männer mögen schnelle Autos
190
Werte im Körper
194
Wenn der Körper dem Verstand hilft
195
Lokomotivführer, Schüler und Barbie-Puppen
195
Fazit
198
8 Fakten und Werte
200
Schach und Wodka
200
Sensationshunger
201
Beispiel Landschaft
204
Beispiel Wohngemeinschaft
205
Beispiel heiße Herdplatte
209
Der naturalistische Fehlschluss
212
Fazit
214
Postskript: Medizin nach Markt Ein Jahrzehnt nach der Gesundheitsreform
215
9 Nicht wissen, aber glauben
222
Vom Kontext umzingelt
222
Prognosen jeden Augenblick
224
Zufall im Scanner
225
Hypothesenbildung ohne Grund
229
Eva und Adam
232
Out of Africa
234
In der Welt und über die Welt hinaus
236
Aberglauben
237
Fazit
241
Postskript: Von der Religion zum 11. September
242
Teil III Entscheiden
248
10 Demokratie im Kopf
250
Neuronenvölker
250
Vektoren
253
Populationsvektoren
256
Wie Affen greifen
258
Fazit
265
11 Neuroökonomie
266
Entscheiden im Kopf
266
Der Nutzen: vom Leoparden zum Börsenmakler
267
Zwischen Input und Output: der Nutzen im Parietalhirn
269
Augenbewegungen: Wohin mit dem Blick?
271
Freie Auswahl
279
Fazit
281
12 Gehirn im Spiel
284
Das Ultimatum-Spiel
284
Wer wird schon gerne übers Ohr gehauen?
286
Spiel im Scanner
288
Das Gehirn an der Börse
295