: Thomas Schneider
: Das literarische Porträt : Quellen, Vorbilder und Modelle in Thomas Manns Doktor Faustus
: Frank& Timme
: 9783865960016
: 1
: CHF 26.70
:
: Dramatik
: German
: 295
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Die Arbeit untersucht Thomas Manns schriftstellerische Technik der Gestaltung von Romanfiguren nach Quellen, Vorbildern und Modellen und verwendet zur Beschreibung dieses Verfahrens den Begriff"Porträt". Sie geht von der Tatsache aus, dass Thomas Mann auf autobiographische Erfahrungen und Erinnerungen an Verwandte, Freunde, Kollegen oder Zeitgenossen zurückgegriffen sowie Figuren, Szenerien und selbst kleinste Details nach Bildvorlagen gestaltet hat. Bei der Untersuchung der verschiedenen Schnittstellen zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und literarischer Fiktion wird deutlich, dass das künstlerische Mittel des Porträts nicht nur jeweils dazu beiträgt, die einzelnen Schichten der sinnhaften Struktur zu konstituieren, sondern ein integraler Bestandteil des Romans ist.

Der Autor

Thomas Schneider, geboren und aufgewachsen in Berlin. Von 1991 bis 1998 Studium der Neueren Deutschen Philologie an der Technischen Universität Berlin und der Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin mit dem Abschluss Magister Artium. Promotion zum Doktor der Philosophie, die wissenschaftliche Aussprache erfolgte im Mai 2004.  
3. Kunstverständnis um die Jahrhundertwende (S. 62-63)

Die Schriftsteller werden von den Malern beeinflußt, wie diese von den Literaten; unter allen Köpfen einer Generation besteht ein fortwährender Gedankenaustausch. Die Journalisten, die populären Romandichter, die Illustratoren, die Zeichner machen der Menge die Wahrheiten verständlich, die die großen geistigen Potenzen entdeckt haben.

3.1 Kein Augenmensch

Im Doktor Faustus ist Leverkühn Zeitbloms Einschätzung zufolge „ein Verächter der Augenlust, und so sensitiv sein Gehör war, so wenig hatte es ihn von jeher gedrängt, sein Auge an den Gestaltungen der bildenden Kunst zu schulen". Und er geht noch weiter: „Die Unterscheidung zwischen den Typen des Augen- und des Ohrenmenschen hieß er gut und unumstößlich richtig und rechnete sich entschieden zu dem zweiten." (GW VI, 236) Ohnehin gäben Künstler „wenig acht auf eine umgebende Gegenwart, die zu der Arbeitswelt, in der sie leben, nicht in direkter Beziehung steht, und in der sie folglich nicht mehr als einen indifferenten, der Produktion mehr oder weniger günstigen Lebensrahmen sehen". (GW VI, 285f.)

Thomas Mann thematisiert hier, auf Leverkühn übertragen, seine Einstellung zu visuellen Sinneswahrnehmungen, die seine Schaffensweise nachhaltig bestimmte. Nach Fertigstellung des Romans bekannte er in einem Brief an Emil Preetorius vom 12.12.1947, er sei „eigentlich kein Augenmensch, sondern mehr ein in die Literatur versetzter Musiker". (Br II, 574) Und seine fehlende Orientierung an der Welt der sichtbaren Dinge erläuterte Thomas Mann noch am 5.12.1954 gegenüber Karl Kerényi mit einer Anspielung auf Friedrich Schiller:

Zwar muß ich nicht, wie der große Schiller, gestehen: 'Leider ist Italien und Rom besonders kein Land für mich; das Physische des Zustandes würde mich drücken und das aesthetische Interesse mir keinen Ersatz geben, weil mir das Interesse und der Sinn für die bildenden Künste fehlt.' […] Aber eine gewisse beunruhigende Verwandtschaft mit dem Dichter ist doch vorhanden, der über seine Unwissenheit klagte und vor dem Epos zurückschreckte, weil ihm 'die Kenntnisse fehlten', die ein Homeriker braucht. Auch für mich ist die Welt des Auges nicht eigentlich meine Welt, und im Grunde will ich nichts sehen – wie er.
Thomas Schneider4
Quellen, Vorbilder und Modelle in Thomas Manns4
Vorwort6
Inhalt8
1. Beginn12
1.1 Phänomen und Problem12
1.2 Porträt und Literatur20
1.3 Forschung und Fragen26
1.4 Material und Methode32
2. Christian, Bilse und Schopenhauer40
2.1 Ein trauriger Vogel40
2.2 Das Trugbild eines Mannes47
2.3 Bogenlinien und Kreise53
3. Kunstverständnis um die Jahrhundertwende63
3.1 Kein Augenmensch63
3.2 Leuchtete München?70
3.3 Humanistische Prüderie75
4. Bilder, Quellen und Studien81
4.1 Malerisch-Bildmäfliges81
4.2 Eine empörende Sensation86
4.3 Operngläser und Kartenhäuser93
5. Repräsentativer Realismus102
5.1 Überpersönliches102
5.2 Nicht Individuen, sondern Masken111
5.3 Solche Späfle116
6. Porträts im Doktor Faustus124
6.1 Thematische Ebene124
6.2 Gesellschaftliche Ebene155
6.3 Figürliche Ebene172
6.4 Persönliche Ebene195
6.5 Künstlerische Ebene210
6.6 „Diabolische“ Ebene232
7. Auswertung248
7.1 Radikale Autobiographie248
7.2 Wahre Symbolik?254
7.3 Porträthaftigkeit259
8. Schluss266
Literatur270
Anhang: Porträts im Doktor Faustus293