: Friedrich Tomberg
: Weltordnungsvisionen im deutschen Widerstand: Kreisauer Kreis mit Moltke – Goerdeler-Gruppe – Honoratioren
: Frank& Timme
: 9783865960009
: 1
: CHF 22.20
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: 20. Jahrhundert (bis 1945)
: German
: 214
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: PDF
Während die Militärs das Attentat auf Hitler planten, arbeiteten andere fieberhaft an Verfassungsentwürfen für die Nachhitlerzeit und gelangten zu Überzeugungen von philosophischer Grundsätzlichkeit. Der Autor schreibt ihnen eine Denkweise zu, die er unter Bezug auf das Muster der Polis als »politär« bezeichnet und dem vorherrschenden Individualismus entgegenstellt. Er forscht ihr bis in die Tiefen der europäischen Geschichte, mit besonderen Blick auf Sparta und Preußen, nach. Sein Resümee: Die Theorie- Gruppen des deutschen Widerstands haben Konzeptionen entwickelt, für die sich zum Teil erst heute in Europa der Sinn öffnet. Obgleich ihr Versuch, Politik wieder ans Christentum anzubinden, den Tendenzen der Zeit widersprach, gelangten sie doch zu Visionen, die ungeachtet ihres konservativen Ursprungs geeignet sein könnten, die politischen Fronten in der Bemühung um eine Neuordnung der Welt und in ihr Europas einander näherzubringen.

Der Autor

Friedri h Tomberg, geboren 1932, lehrte Philosophie von 1974 bis 1979 an der PH Berlin und von 1979 bis 1987 an der Universität Jena. Von 1987 bis 1992 war er Mitarbeiter der Berliner Akademie der Wissenschaften, zuletzt als Leiter der Abteilung Geschichte der Philosophie. Seither liegt sein Forschungsschwerpunkt bei den ideologischen Strömungen des 20. Jahrhunderts, vor allem bei Marxismus und Nationalsozialismus. 
DRITTES KAPITEL Der christliche Sozialismus der Kreisauer unter der Idee eines globalen Common-Wealth. (S. 45-46)

Option für den Sozialismus - Der Nationalsozialismus als geistige Herausforderung

Für Moltke wie durchweg für die Kreisauer war die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus nie eine Frage gewesen. Dennoch sahen sie in ihm eine geistige Herausforderung, der sie sich zu stellen hatten. Denn die Prinzipien, auf die die Nazis sich beriefen, kamen jenen sehr nahe, aus denen heraus Rosenstock-Huessys Schüler die Löwenberger Arbeitsgemeinschaft ins Leben gerufen hatten. Der Nationalsozialismus nahm für sich in Anspruch, die Widersprüche des gesellschaftlichen Lebens, unter denen alle litten, durch eine soziale Umwandlung zu beheben, aus der eine Neuordnung hervorgehen sollte, der sie ausdrücklich den Namen Sozialismus gaben. Damit standen sie in ihrer Zeit und zumal im Deutschland des 20. Jahrhunderts bei weitem nicht allein. Bestrebungen, die auf irgendeine Art von Sozialismus hinausgingen, gab es zuhauf. Sie hatten zumindest dies gemeinsam, daß sie sich auf eine Tradition beriefen, die weit ins 19. Jahrhundert zurückging.

So alt die Ideen in der Geschichte auch waren, die man sozialistisch oder gar kommunistisch nennen konnte, so war der moderne Sozialismus doch deutlich als eine Reaktion auf die Französische Revolution auszumachen. Diese hatte der Demokratie zu einem beachtlichen, wenn auch zunächst noch nicht endgültigen Durchbruch verholfen, damit aber auch der kapitalistischen Wirtschaftweise freie Bahn verschafft, die mit Reichtum und Macht auf der einen Seite zugleich auf der anderen Seite Armut, Ohnmacht, soziale Entwürdigung hervorgebracht hatte. Um diese Zustände zu beheben, die, gemessen an den Prinzipien der Revolution, eine unerhörte Ungerechtigkeit darstellten, hatten einzelne Theoretiker Ordnungsentwürfe für die aus der Revolution hervorgegangene Gesellschaft vorgelegt, die vor allem durch eine gewährleistete soziale Gleichheit gekennzeichnet waren. Jeder sollte in dieser neugeordneten Gesellschaft gemäß seiner Leistung an deren Erträgen teilhaben können, und alle auch sollten gleichermaßen die Chance bekom- men, ihre Fähigkeiten, die sie hatten, zu entwickeln und ihre Kräfte zu betätigen, so daß sie auch in der Lage waren, die ihnen bestmöglichen Leistungen zu erbringen.

Diesem vor allem von Franzosen zur Diskussion gestellten Sozialismus, wie er allgemein genannt wurde, hielten zwei junge Deutsche, namens Marx und Engels, in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts vor, daß er zwar die richtigen Prinzipien vortrage, aber einen großen Makel an sich trage: er sei nicht zu verwirklichen, er sei bloß utopisch. Solle er Wirklichkeit werden können, so müsse er nicht nur als Forderung vorgetragen, sondern durch eine soziale Bewegung erkämpft werden, nämlich durch alle jene, die aufgrund ihrer Eigentumslosigkeit genötigt waren, für die Kapitalbesitzer zu arbeiten, ohne an deren Erträgen über ein Existenzminimum hinaus beteiligt zu werden, und sich so zu einer Klasse aller Arbeiter zusammengedrängt sahen, die vom wachsenden Reichtum der Gesellschaft ausgeschlossen waren.

Marx und Engels suchten zu begründen, daß der Sozialismus keine bloße Idee, sondern die notwendige Konsequenz der Entwicklung der Gesellschaft sei, die gegenwärtig durch den Kapitalismus bestimmt war. Die innere Entwicklung dieses Kapitalismus würde selbst dazu nötigen, zu einer neuen Gesellschaftsformation, eben dem Sozialismus und Kommunismus überzugehen. Sie sahen in der Arbeiterklasse bereits die neue Gesellschaft im Keim sich bilden, wenn auch noch unter dem Kommando des Kapitals, dessen Herrschaft sie schließlich aber in einem revolutionären Akt der Aufhebung des Privateigentums an den großen Produktionsmitteln würden abwerfen können. Am Sozialismus führte hiernach auf die Dauer kein Weg vorbei, er war durch die Notwendigkeit der ökonomischen Entwicklung bedingt.
Inhalt6
1 Das Dritte Reich in der Kontinuität des deutschen Nationalkonservatismus. Motivationen des milit