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»Es ist bestimmt nicht leicht für Sie, Meredith.«
Bestsellerautorin Rachel Neville trägt das perfekte Herbst-Ensemble: einen dunkelblauen Hut, passend zu ihrem zweckmäßigen knielangen Rock, und eine beige Wolljacke mit Knöpfen so groß wie Katzenköpfe. Sie achtet gewissenhaft darauf, auf dem unebenen Fußweg zu bleiben. Die Schiefersteine sind gekippt, ihre Kanten ragen aus dem Boden heraus, und sie wackeln unter ihren Füßen wie lockere Milchzähne.
Als Kind habe ich immer ein Stück rote Zahnseide um einen Wackelzahn gebunden und dann tagelang aus meinem Mund baumeln lassen, bis der Zahn von selber ausfiel. Marjorie hänselte mich deswegen, und sie jagte mich durch das Haus und versuchte, an dem Faden zu ziehen, und ich schrie und jammerte, weil es Spaß machte und weil ich Angst hatte, dass sie, wenn ich sie einen Zahn herausziehen ließe, sich nicht mehr beherrschen könnte und auch den Rest herausziehen würde.
Ist tatsächlich so viel Zeit vergangen, seit wir hier gewohnt haben? Ich bin erst 23, aber wenn mich jemand nach meinem Alter fragt, sage ich immer, dass ich ein Vierteljahrhundert minus zwei Jahre alt bin. Ich mag es, wenn man den Leuten ansieht, wie sie sich im Kopf mit den Zahlen abmühen.
Ich ignoriere den Weg und gehe quer durch den verwahrlosten Vorgarten, der im Frühjahr und Sommer wild und ungezähmt wuchert und sich jetzt in der neuen Kälte des Herbstes zurückzuziehen beginnt. Blätter und Unkrautfinger kitzeln meine Fußknöchel und greifen nach meinen Turnschuhen. Wäre Marjorie jetzt hier, würde sie mir wahrscheinlich eine kurze Geschichte über Würmer, Spinnen und Mäuse erzählen, die unter der modernden Vegetation herumkrabbeln und sich an die junge Frau heranpirschen, die so töricht ist, nicht in der Sicherheit des Fußweges zu bleiben.
Rachel betritt das Haus zuerst. Sie hat einen Schlüssel und ich nicht. Also bleibe ich hinter ihr zurück, knibble einen Streifen weißer Farbe von der Haustür ab und stecke ihn in meine Hosentasche. Warum sollte ich kein Souvenir mitnehmen? Es ist ein Souvenir, mit dem sich offenbar schon viele andere eingedeckt haben, wenn ich mir die abblätternde Tür und die schuppige Veranda so ansehe.
Mir war nicht bewusst, wie sehr ich das Haus vermisst habe. Und ich komme gar nicht darüber hinweg, wie grau es jetzt aussieht. War es schon immer so grau gewesen?
Ich schleiche mich hinein und die Haustür fällt flüsternd hinter mir zu. Auf dem zerkratzten Parkett der Diele stehend, schließe ich die Augen, um diesen ersten Schnappschuss meiner Heimkehr als verlorene Tochter besser sehen zu können: Decken so hoch, dass ich nie an etwas herankommen konnte; gusseiserne Heizkörper, die sich in vielen Zimmerecken verstecken, als könnten sie jeden Moment wütend dampfend zum Leben erwachen; direkt voraus ist das Esszimmer, dann die Küch