Wir sind die „uncoolsten“ Menschen in Miami und können unsere freudige Erregung kaum bezähmen. An einem warmen Aprilmorgen haben sich Tausende unserer „Spezies“ im Hafengebäude der Stadt versammelt, eine Hand am Griff des Koffers, die andere hält verkrampft den Reisepass. Nur noch eine läppische Linie trennt uns von der „Cruise to the Edge“, vier Nächte und fünf Tage im Paradies mit den lebenden Göttern des Progressive Rock.
Haben wir diese Linie erst überschritten, werden die Spötter – Millionen, nein, zehn Millionen – durch die internationalen Gewässer von uns getrennt sein. Das Bürogebäude in Miamis Hafen ist so anonym wie jedes andere Amtsgebäude, doch als wir langsam vorwärts schlurfen, fühlen wir durch die zahlreichen Mitreisenden eine zunehmende Sicherheit. Schützende Hawaii-Hemden werden ausgezogen und enthüllen die darunter getragenen Yes-Tour-T-Shirts und Klamotten von anderen längst vergessenen Festivals. Nun übernimmt der Reiseveranstalter das Lautsprechersystem, durch das unbekannte progressive Musik zu uns dringt. „Wer ist das?“, fragt ein Mitreisender. Wir hören ein Piano, das Moll-Dreiklänge anschlägt, und eine darüber erklingende Gitarre mit einem Flanger. „Könnte Nektar sein.“
Könnte sein – es ist eine stimmige Annahme, eine, auf die nur wenige Musikfans kommen würden. Ich nutze meine letzten Minuten terrestrischen Handy-Empfangs, um den Song zu identifizieren – „Parted Forever“ von Pineapple Thief, eine Band von „Revivalisten“, die so klingt, als würden sie ihre Musik aus dem Jahr 1972 übertragen. Das Stück ist 18 Minuten lang. Der Progressive Rock eignet sich hervorragend für lange, ausgearbeitete und sich schlängelnde Musik-Exkursionen.
Natürlich bot die „Progressive Rock Cruise“, für die die Reisenden einige Tausend Dollar hingeblättert haben, ein leichtes Ziel für Hohn und Spott. Eine solche Kreuzfahrt nicht augenzwinkernd zu nehmen, sondern bierernst, bedeutet seine „Visitenkarte der Coolness“ zu nehmen und sie direkt abzufackeln. Und „Prog Rock“ zu genießen – tja, hatte man sich diese Visitenkarte dafür überhaupt verdient? Mal ehrlich – die war doch gefälscht!
Nach dem Betreten des Schiffes und einer kurzen Stippvisite bei einigen Acts treffe ich mich mit dem Veranstalter der Reise, der alles organisiert hat. Larry Morand, Manager der Union Entertainment Group, hat eine Zigarren-Lounge in ein zeitweiliges Büro umgemodelt. In den nächsten zwei Wochen werden sich hier Probleme und Stapel von Papieren ansammeln. Die „Cruise to the Edge“-Reise ist die dritte in einer Reihe von aufeinanderfolgenden Musik-Ausflügen, die auf dem über 330 Meter langen Schiff stattfinden.
„Monsters of Rock“ war die nicht unschwer am Titel zu erkennende Metal-Kreuzfahrt, bei der jeder den Zusammenhang zwischen Hair-Metal und gefärbten Mojito-Cocktails kapierte. Und da gab es ja noch die nostalgische Moody-Blues-Cruise, auf ein älteres und eher internationales Publikum abzielend. Um das Angebot über die Moody Blues hinaus zu erweitern, lud man hierzu Zeitgenossen der Band ein wie zum Beispiel den Drummer-Virtuosen Carl Palmer.
Nachdem ich mit Morand von dem Zigarren-Lounge-Büro zu einem italienischen Café gegangen bin, erzählt er mir vom Beginn des Projekts: „Wir schauten uns die Bands an und dachten: ‚Wow, das ist aber wirklich ein anderes Genre, oder?‘Um das Offensichtliche zu benennen – es war Prog, und wir lernten sofort einiges über die Musik und das Publikum. Wir riefen den Yes-Manager an, der sich direkt mit der Nachricht zurückmeldete: ‚Yes würden es gerne machen.‘ Und schon waren wir im Rennen.“
Dieses Buch ist eine narrative Geschichte des Progressive Rock, erzählt von den Musikern, die ihn kreiert haben. Viele von ihnen erzählten ihre Storys der ersten Generation der Rock-Journalisten und damit zugleich den ab den späten Sechzigern aufblühenden Musikpublikationen in „Echtzeit“. Die meisten Geschichten stammen aus diesen Quellen, obwohl ich mich auch auf Erinnerungen stützte, Radio- und Fernsehinterviews, Bandgeschichten, von Außenstehenden erzählt, sowie meinen eigenen Gesprächen mit Musikern, Produzenten und Fans. Sie alle halfen mir dabei, Zeit und Ort weniger