Das Verhör
Seit wir fühlen können, durften wir Schutz und Geborgenheit wahrnehmen. Nicht nur im Mutterleib, sondern auch, als man uns nährte, uns herumtrug, uns Kleider angezogen und sich darum gesorgt hat, dass wir uns optimal entwickeln können. Unser Verlangen nach Schutz und Geborgenheit gehört zu dem Natürlichsten überhaupt. Ebenso normal ist es, dass uns immer zuerst auffällt, wo unser Schutz und unsere Geborgenheit gefährdet sein könnten. Deshalb neigen wir oft dazu, das Negative zu sehen, noch bevor es überhaupt da ist – und wir neigen dazu, wenn wir Angst haben, verletzt zu werden oder verletzt worden zu sein, unser Gegenüber negativ zu sehen. Glauben wir beispielsweise, in Beziehungen belogen oder betrogen worden zu sein, so sehen wir das Gegenüber immer zuerst als Schuldigen – nicht aber als Unschuldigen. Dies hat zur Folge, dass unsere Denkweise zum Negativen tendiert. Unser Denken äußert sich durch unsere Worte und unsere Worte enden in einem Verhalten. Das Verhalten entscheidet darüber, wie die Energie und somit die Bilanz zwischen uns und unserem Gegenüber ist.
Wenn wir also das Gegenüber von Grund auf als Schuldigen sehen, konditionieren wir unseren Geist auf die negativen Aspekte und Verhaltensweisen auf unserem Planeten. Und dies in einer Welt, in der wir ohnehin schon zu sehr für die negativen, angsteinflößenden Dinge sensibilisiert werden. Es ist unmöglich, fernzusehen oder eine Zeitung aufzuschlagen, ohne mit etwas Negativem, was sich gerade auf unserem Planeten abspielt, konfrontiert zu werden. Wenn wir das Radio bei der Arbeit einschalten oder im Smalltalk mit anderen Menschen erfahren wir, welche furchteinflößenden Dinge auf der Welt geschehen. Bei der Arbeit hören wir von Kollegen, dass wir uns in einer Wirtschaftskrise befinden, die sich auf den Mangel an Nachfrage hin zuspitzt. Kommen wir nach Hause, so hören wir vom Nachbarn, dass wir uns Vorräte für den eigenen Luftschutzbunker zulegen sollten, da unsere Welt ein einziger Kriegsschauplatz sei. Und kaum setzen wir uns zu Hause vor den Fernseher, so hören wir von den Politikern, dass wir nirgends sicher sind. Wir meiden öffentliche Plätze mit erhöhtem Gefahrenpotenzial auf terroristische Attentate und konditionieren uns zunehmend auf ein angstgesteuertes Denken hin.
Es ist ausgesprochen traurig, welche Unmenschlichkeit sich auf unserem Planeten abspielt. Unmenschlichkeit, die uns dazu veranlassen sollte, in der Verbundenheit miteinander ganz Großes und Schönes zu bewirken. Wenn wir jedes Jahr einmal spenden würden – an Menschen, Mütter, Kinder und Tiere in Not –, wenn wir zum Beispiel den Betrag spenden würden, den wir in unsere Süchte investieren, in Kaffee, Bier, Zigaretten oder Alkohol, so könnten wir unsere Welt zu einem besseren Ort machen. Und schon konditionieren wir uns auf das positive Denken, das einzige Denken, das unseren Geist fördert. Das Denken, das uns auf positiver Energie trägt.
Übertragen wir dies auf unsere Beziehungen, so würde die Einstellung, das Gegenüber von Grund auf nicht als Schuldigen, sondern als Unschuldigen zu sehen, unser Unterbewusstsein durch diese positive Konditionierung stärken.
So sollten wir uns auch in der Beziehung aneignen, das Gegenüber als einen Menschen mit positiver Energie zu sehen. Wir sollten die Lebensgeschichte des Gegenübers betrachten und versuchen, zu erkennen, dass das Gegenüber aus Liebe handeln möchte – auch dann, wenn es ihm vielleicht nicht immer ganz leichtfällt. Wir sollten uns aneignen, unseren Partner in einem positiven Licht sehen zu wollen. In einem Licht, das die seelisch schönen Seiten des Beziehungspartners aufzeigt. Auch dann, wenn Enttäuschungen und Verletzungen es uns schwer machen, das Positive im Partner zu sehen. Dasselbe Vorgehen nutzen auch vermehrt Kommissare. Sie betrachten die mutmaßlichen Täter und Verbrecher als Unschuldige und nicht als Schuldige. Das heißt, sie suchen nicht Beweise, um die Schuld der Verdächtigen zu verdeutlichen, sondern Beweise, um ihre Unschuld zu bestätigen. Und erst dann, wenn zu wenige oder gar keine Beweise vorhanden sind, die die Unschuld des Gegenübers beweisen könnten, kann angenommen werden, dass womöglich doch