1. Kapitel
Zu zweit hatten sie die ganze Nacht Straßen und Rastplätze kontrolliert, aber nicht ein einziger Grenzgänger oder gar Drogenschmuggler war ihnen ins Netz gegangen.
Nun saßen Benedikt Simbacher und Max Deffner, ebenso müde wie ihre Hunde, in der Polizeiinspektion Viechtach und warteten auf ihre Kolleginnen und den nächsten Schichtwechsel.
Benedikt Simbacher überlegte, ob er noch eine Kanne Kaffee kochen sollte. Die Damen der Frühschicht würden sich bestimmt freuen. Eigentlich aber war er hundemüde und freute sich auf sein Bett. Wenn er jetzt noch einen Kaffee trank, würde er sich den halben Vormittag unruhig hin- und herwälzen. Und er schaffte es beim besten Willen nicht, einen zu kochen, ohne selbst davon zu trinken.
Nachtschichten konnte er nicht leiden, denn sie stellten sein Leben auf den Kopf. Ginge es nach ihm, so müsste gesetzlich festgelegt werden, dass die Nacht ausschließlich zum Schlafen da war. Das müsste dann allerdings für jeden gelten oder zumindest für alle Kriminellen, die besonders gern im Dunkeln ihr Unwesen trieben, wie beispielsweise Menschen- und Drogenschmuggler.
Benedikt strich seinem Hund über den Kopf. »Gell, Burschi, bist aa miad?«, murmelte er und gähnte herzhaft. »Mir san ja nimmer die Jüngsten, aber bald gehn mir in Pension. Vasprocha!«
In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Hätte das nicht noch zehn Minuten warten können? Dann wären Sandra Falk und Lydia Hobmaier da und könnten gleich übernehmen.
»Polizeiinspektion Viechtach«, meldete er sich. »Polizeihauptmeister Simbacher am Apparat.«
»Hier ist Gottfried Hirschfeld. Meine Frau ist weg.«
Benedikt gähnte. Am liebsten hätte er gesagt, so etwas kommt halt vor. Auch seine Frau war eines Tages weg gewesen. Ohne Vorankündigung und ohne warnende Vorzeichen. Auf dem Küchentisch hatte ein Zettel gelegen mit den drei Worten: »Ich bin ausgezogen.« Ganz kurz hatte er mit einem Anflug von Vorfreude gedacht, sie liege nackt im Bett und alles sei wieder so wie in den Flitterwochen.
Doch im Schlafzimmer musste er feststellen, dass die Schränke mehr oder weniger leer waren. Sie hatte alles, was ihr gehörte, mitgenommen. Damals hatte er noch nicht gewusst, wohin sie mit ihren Kleidern, Schuhen, Mänteln, ihrem Laptop und ihren Kochbüchern gezogen war. Mittlerweile wusste er es, und er wusste auch, wer der neue Mann an ihrer Seite war, aber das machte die Sache nicht einfacher.
»Seit wann ist Ihre Frau denn weg?«, erkundigte sich Benedikt und bemühte sich um eine hochdeutsche Aussprache. Insgeheim war er froh, dass er für seinen Teil die Kränkung des Verlassenwerdens so gut wie überwunden hatte. Es hatte lang genug gedauert. Dieser Hirschfeld tat ihm leid.
»Ich habe es gerade erst bemerkt«, erwiderte der Mann am anderen Ende der Leitung.
Benedikt wusste, wer Gottfried Hirschfeld war und wo er wohnte. Doch seit wann hatte der eine Frau? Man hatte ihn immer nur allein gesehen, und er machte ständig einen zugleich gehetzten und besorgten Eindruck. Ein eigenartiger M