: Sybil Volks
: Die Glücksreisenden Roman
: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag
: 9783423434850
: Die Familie-Boysen-Reihe
: 2
: CHF 8.90
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: German
: 336
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Können Menschen ihr Glück machen? Oder fällt es ihnen zu wie die Sterne in diesem Kometensommer? Ausgerechnet zum großen Fest in Haus Tide - Inge Boysen wird 80, ihre Enkelin 18 - hat sich Komet »Fortune« über der Nordseeinsel angekündigt. Eine ungewöhnliche Festgesellschaft versammelt sich im alten Haus hinter dem Deich: Familie Boysen, geladene und ungeladene Gäste, Glücksritter, Spinner und Sternengucker. Die einen hoffen, »Fortune« verheiße Fülle und Freuden, andere sehen den Weltuntergang nahen, Inge stellt für alle Fälle Champagner kalt. Das Himmelsereignis setzt eine Reise in Gang: Inge, ihre Kinder und Kindeskinder, Nachbarn, Postbote, Astronom und Vogelwartin - sie alle machen sich auf, ihr Glück zu suchen, zu finden und notfalls zu erfinden. Und Sohn Boy, der mit einer waghalsigen Wette das Elternhaus gerettet hat, muss erleben, wie schnell das Blatt sich wieder wendet - für ihn, Haus Tide und die ganze Familie.  

Sybil Volks lebt als Autorin in Berlin. Sie hat mehrere Romane sowie Erzählungen und Gedichte veröffentlicht. Der historische Berlin-Krimi>Café Größenwahn< war nominiert für den Glauser-Preis als bestes Krimidebüt. Ihr hochgelobter Roman>Torstraße 1< erzählt von zwei Familien und einem geschichtsträchtigen Gebäude im Herzen Berlins. 2015 erschien der Roman>Wintergäste< um drei Generationen in einem eingeschneiten Inselhaus, der ein Bestseller wurde. In ihrem vierten Roman >Die Glücksreisenden< gibt es ein Wiedersehen mit Haus Tide und den Boysens aus>Wintergäste<.

Oben auf dem Deich über Haus Tide bekommt Inge einen seltenen Vogel ins Visier: In ihrem Fernglas erscheint Sönke Sönksen, seines Zeichens Bürgermeister und Postbote der Insel und somit der inseleigene Schicksalsbote. Seit Jahren läuft er durchs Watt zur Hallig Westeroog, um beim Vogelwärterpaar nach dem Rechten zu sehen und ihre Post zu besorgen. Es sei erstaunlich, hat er in einem redseligen Moment erzählt, wie viel Post man schreibe und bekomme, wenn man allein auf einer Scheibe Gras und Schlick im Meer hause. Zweimal in der Woche geht Sönksen bei Ebbe die Strecke, das ganze Jahr, auch in Eis und Kälte. Im Sommer nimmt er gelegentlich Touristen mit auf die Tour. Sie müssen Schritt halten mit seinem flotten Tempo und barfuß gehen in kurzen Hosen. Dass sie sich vor und nach den Prielen Gummistiefel aus- und anziehen oder Hosenbeine ab- und anzippen und dergleichen, dafür hat Sönke Sönksen keine Zeit. Offenbar auch nicht für Schuhe und Schnürsenkel. Ihr Bürgermeister und Postbote läuft sommers wie winters, drinnen wie draußen barfuß. Wenn jedoch bürgermeisterliche Termine oder Feierlichkeiten formelle Kleidung erfordern, hält er sich an die Konvention. Dann geht er barfuß in Schlips und Anzug.

Inge wartet auf ihrer Bank zwischen den Schafen. Sie hat heute Lust auf ein Schwätzchen mit dem Schicksalsboten. Und er kann ihr nicht mehr ausweichen, ohne dass es auffiele. Weit und breit gibt es weder eine Abzweigung noch ein Versteck auf dem Deich.

»Moin, Moin«, sagt Inge.

»Moin.« Schon ist Sönksen mit Riesenschritten halb an ihr vorbei.

Schnell setzt sie hinzu: »Alles gut da draußen?«

Widerwillig bleibt er stehen. »Wie immer.«

»Und dort?« Inge nickt in Richtung Osteroog. »Alles noch lebendig?«

Inge weiß, dass sie sich die Neugier und Geschwätzigkeit nur erlauben kann, weil sie mit Sönkes Mutter Lore die Schulbank gedrückt und dieser die Aufsätze geschrieben hat. In Rechtschreibung und Grammatik war Lorchen eine Niete, dafür hat sie Inge unter der Hand die verhassten Handarbeiten abgenommen. Inge ist nicht sicher, ob Sönke über dieses Tauschgeschäft im Bilde ist, aber bei Lore hatte sie lebenslang einen Stein im Brett, und so was vererbt sich unter Insulanern.

Sönke Sönksen weiß natürlich, was mit der Frage nach dem »dort« und »lebendig« gemeint ist. Er scheint nur noch nicht zu wissen, ob er sie beantworten möchte. Auf der winzigen Hallig Osteroog haust seit Jahren von März bis Oktober ein Vogelwart, um die Vögel zu »warten«, das heißt zu zählen, zu beobachten und zu dokumentieren. Ansonsten wartet er vermutlich im Frühjahr auf den Sommer und im Sommer auf den Herbst, denn Osteroog ist nichts weiter als ein kleiner Haufen Sand weit draußen im Meer. Auf diesem Sandhaufen lebt der Vogelwart allein in einer Hütte auf Pfählen. Die Hütte hat weder Heizung noch fließendes Wasser, der Tank fasst einhundertfünfzig Liter Trinkwasser für einen Monat, nicht viel mehr als das, was Nicht-Vogelwarte im Durchschnitt pro Tag verbrauchen. Das Wasser des Vogelwarts ist zum Trinken und Kochen da. Statt eines Wasserklosetts gibt es eine Grube, Sand drauf und fertig. Einmal im Monat ist der große Tag, dann läuft der Vogelwart bei Ebbe hinüber zur Insel, um hier einzukaufen und – Highlight des Monats – zu duschen. Er duscht bei Bürgermeister Sönksen persönlich, manch einem Vogelwart musste dieser das Wasser auch persönlich wieder abdrehen. Der Weg nach Osteroog ist weit und die Zeit knapp bemessen, wenn der Vogelwart nicht auf dem Rückweg in der steigenden Flut ersaufen möchte. Steigt die Flut einmal höher, wird der Sandhaufen verschluckt, und nur die Pfahlhütte ragt aus dem Meer. Dann sitzt man, womöglich im Finstern und bei heulendem Sturm, da draußen in seiner Arche Noah, die nicht schwimmt,