PROLOG
Rupertsberg, 20. März 1152
»Freundliche Worte sind wie Wabenhonig,
süß für den Gaumen, heilsam für den Leib.«
Bibel, Sprüche 16,24
Mit pochendem Herzen folgte Adelheyd Schwester Seburga den langen, schmalen Gang entlang. Durch die mit Pergament bezogenen Bogenfenster drangen die Strahlen der Morgensonne herein und zeichneten weiche Lichtfelder auf die gegenüberliegende Wand. Jedes Mal, wenn sie eines der Fenster passierten, spürte Adelheyd die Wärme wie ein Streicheln durch ihren Novizinnenhabit.
Freudige Erwartung und beklemmende Angst wechselten sich in ihrem Inneren ab. Bis auf das Geräusch ihrer Schritte auf dem nackten Steinboden war alles still.
Nein, da war noch etwas zu hören. Es klang, als ob jemand mit den Fingernägeln pfeilschnell, aber sanft auf ein Tamburin schlüge. Je näher Schwester Seburga und sie der Treppe am Ende des Gangs kamen, umso intensiver wurde das seltsame Geräusch.
Fieberhaft flog eine Biene immer wieder gegen das Fenster. Berührte sie das gespannte Pergament, erhöhte sich die Lautstärke ihres Summens um ein Vielfaches. Flog das Tier entmutigt im Lichtkegel zurück, war das Summen kaum mehr zu hören. Schon startete die Biene einen erneuten Anlauf, einen Weg hinaus aus den Klostermauern zu finden. Dabei lief ihr Schwester Seburga in die Flugbahn. Das Tierchen stieß gegen den schwarzen Schleier der Nonne. Die alte Novizenmeisterin erschrak und wedelte mit beiden Armen hektisch durch die Luft.
»Ist sie weg? Ist sie weg?«, rief sie.
Im selben Moment hörte Adelheyd, wie die Biene erneut gegen das Pergament stieß.
»Ja, sorgt Euch nicht, ehrwürdige Schwester! Es ist bloß eine Biene. Sie wird Euch nichts tun. Sie sucht nur einen Weg hinaus, zurück zu ihren Schwestern. Lasst uns ihr helfen!«
Adelheyd trug einen Stapel von acht Wachstafeln bei sich sowie einen Griffel, der einst ihrer Mutter gehört hatte. Flugs legte sie das Bündel auf einer schmucklosen Holzbank vor dem Fenster ab und löste den Rahmen, auf den das Pergament gespannt war. Die Biene schwirrte wieder in die Tiefe des Gangs hinein.
»Vergiss dieses Untier«, mahnte Seburga. Mit einem Satz zur Seite wich sie der Biene aus und verfolgte sie mit besorgtem Blick. »Die Äbtissin erwartet uns.«
Primus humilitatis gradus est oboedientia sine mora, ging es Adelheyd durch den Kopf.Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne Zögern. In der Abtei wurde von den Novizinnen verlangt, dass sie die Regeln Benedikts von Nursia verinnerlichten und jederzeit aus dem Gedächtnis aufsagen konnten. Der Gehorsam spielte darin eine zentrale Rolle. Andererseits hatte Adelheyd den Rahmen ohnehin schon gelöst. Und ihr tat das kleine Tier leid, das sich wahrscheinlich auf der Suche nach den ersten Blüten des Jahres in diesen kargen Gang verirrt hatte. Sie hoffte, dass Gott ihr nicht grollen würde, wenn sie seinem Geschöpf hinaushalf und den Gehorsam, den sie ihrer Novizenmeisterin sch