Kapitel 1
Trauer
Lous Hände waren blau gefroren. Er konnte sie kaum bewegen. In der Mähne des Pferdes schimmerten Eiskristalle, die so fest hafteten, dass er sie nicht hatte entfernen können. Er pustete in seine Finger, versuchte, deren Gelenkigkeit zurückzuerlangen.
Das Leder war hart, die Verschlüsse am Zaumzeug zu schließen, schien unmöglich. Doch er versuchte es weiter, verzweifelt, weil er sich einer Aufgabe stellen musste, die er nie hatte übernehmen wollen.
Cosimo war das Pferd seiner Schwester gewesen, und in den letzten Jahren hatte Lou wenig Interesse für sie und erst recht nicht für ihr Hobby aufgebracht. Oder ihre Bestimmung, wie sie es genannt hatte.
Er begriff auch jetzt nicht, wie sie derart viel Zeit in eine Beschäftigung hatte investieren können, die nichts zurückgab, die kein Ergebnis vorwies.
Cosimo war nie einfach gewesen. Lous Schwester die Einzige, die er in den letzten Jahren problemlos an sich herangelassen hatte. Jetzt war sie tot und als wäre alles andere nicht schwierig genug, konnte Lou sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Trakehner Trauer empfand. So wie er erst Lou ansah und dann in die Ferne blickte, immer wieder in die Richtung, aus der jeder sich dem Hof näherte, schien er tatsächlich auf sie zu warten.
Immer noch, auch nach Wochen.
Lou blies ohne Erfolg auf seine Finger. Der Nasenriemen war nun geschlossen, doch seine Hände schmerzten. Er brachte sie kaum wieder in die mitgebrachten Handschuhe, tätschelte mit diesen und ohne, dass sie seine Hände zu wärmen vermochten, Cosimos Hals.
Er hätte das Pferd gleich weggeben sollen. Tiere waren für ihn noch nie von großem Interesse gewesen. Dass seine Eltern ihn damals zu Reitstunden überredet hatten, damit er sich der großen Schwester gegenüber nicht zurückgesetzt fühlte, hatte eher einer Strafe geglichen als einer Belohnung. Er war nur allzu froh gewesen, als sie den fatalen Fehler eingesehen und ihn von der unangenehmen Pflicht entbunden hatten.
Doch Silke war vom ersten Tag an wie geblendet gewesen. Weder der Gestank noch die Arbeit im Stall hatten sie gestört. Auch nicht