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Das verleugnete Leid
EIN MANN HAT KEINE PROBLEME!
Seit etwa zehn Jahren spreche ich mehr oder minder regelmäßig öffentlich über Männer: über männliche Macken und männliches Fehlverhalten ebenso wie über die Leiderfahrungen und den wunderbaren Facettenreichtum der Männer. Dabei habe ich relativ schnell lernen müssen, dass man nicht gut von Männern sprechen kann, ohne einen »über die Rübe« zu bekommen. Und zwar aus zwei Richtungen.
Lächerliches Leiden oder Mann ohne Macken?
Da ist zunächst eine weitverbreitete Mitleidslosigkeit mit Männern: Sobald ich bei einer Veranstaltung irgendetwas äußere, das mein Mitgefühl mit Männern zum Ausdruck bringt, gibt es grummelnde Unmutsbekundungen bis hin zu handfester Kritik – übrigens beileibe nicht nur von Frauen. Mein eindrücklichstes Erlebnis in dieser Hinsicht war eine Podiumsdiskussion in Darmstadt vor einigen Jahren, bei der ich wahnwitzigerweise schon in meinem Eingangsstatement darauf hingewiesen habe, dass es auchmännliches Leiden gibt. Als naiver Psychotherapeut hielt ich das nicht für eine revolutionäre Aussage und war daher ziemlich konsterniert, als mir aus dem abgedunkelten Zuschauerraum als spontane Reaktion ein ironisch-mitleidiges »Oooooch!« entgegenschlug. Es waren keine vereinzelten Stimmen, sondern eher ein synchroner Chor von etwa einhundert Menschen.
Was mich besonders schockiert hat, war nicht die Vielstimmigkeit und Lautstärke der Ablehnung jeglicher Empathie für Männer, sondern die Spontaneität dieser Ablehnung. Es war kein wohlüberlegter Widerspruch gegen meine Aussage, es war ein Reflex. Ich hatte auch zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Argumente vorgetragen, keine detaillierten Behauptungen aufgestellt, keine Forderungen abgeleitet. Ich hatte lediglich darauf hingewiesen, dass esüberhaupt männliches Leiden gibt.
Diese Tatsachean sich muss also abgewehrt werden – vermutlich gar nicht bewusst, was die Unmittelbarkeit dieser kollektiven Zuschauerreaktion ja zeigt. Das simple Motto lautet: Männer haben nicht zu leiden! Und behauptet jemand das Gegenteil, wird diesem Tabubruch auf äußerst effiziente Art und Weise begegnet, nämlich mit ironischem Nicht-Ernstnehmen. In den vergangenen fünfzig Jahren wurde immer und immer wieder – und völlig zu Recht – darauf hingewiesen, dass Frauen der Eintritt in viele »Männerdomänen« nicht in erster Linie durch Gewalt und kategorischen Ausschluss verwehrt wird, sondern durch konsequentes Nicht-Ernstnehmen. Nun, diese Strategie funktioniert auch andersherum …
Machen Sie doch mal in Ihrem Bekanntenkreis die folgende Umfrage: »Wer ist wehleidiger, Männer oder Frauen?« Meiner eigenen Umfrageerfahrung zufolge antworten gefühlte 100 Prozent der Menschen sofort und ohne Umschweife: »Männer!« Gerne wird diese Antwort noch von dem Witz begleitet, dass die Menschheit schon längst ausgestorben sei, wenn Männer die Kinder bekämen. Und neulich zeigte ein Freund mir ein YouTube-Filmchen, in dem ein Mann mit einem Schnupfen in die Notaufnahme eines Krankenhauses geht, wo er dann unmittelbar mit »Männergrippe« eingewiesen wird. Fakt ist aber, dass Män