10. Kapitel:
Jeff Miller packt aus
Die Police Station in der Barton Street residierte in einem heruntergekommenen Backsteinbau, der sich hinter einer mehr als zwei Meter hohen Mauer versteckte. Den Eingang erreichte man über einen schlecht gepflasterten Hof. Das Unkraut quoll in dicken Büscheln zwischen den Steinen hervor und die Wurzeln der Bäume hatten an manchen Stellen das Pflaster hochgedrückt, als wollten sie sich nicht dem einengenden Diktat der Menschen unterwerfen. Gibbs belegte den einzigen noch freien Parkplatz und meldete sich beim wachhabenden Beamten.
Kurze Zeit später saß er mit Melanie in einem engen, stickigen Büro, das ihnen der Stationsleiter zur Verfügung gestellt hatte. Melanie berichtete ihm, dass sie sich gerade mit DI Curruthers auf den Weg machen wollte, um das Material aus dem Büro von Lady Glenmoore sicherzustellen, als sich ein Zeuge gemeldet hätte, ein gewisser Jeff Miller, aus dem aber nichts herauszubringen sei. Er wolle nur mit dem Mann aus London sprechen, wie er sich ausdrückte. Curruthers habe sich dann allein nach Glenmoore House aufgemacht.
»Der Zeuge wartet schon über eine Stunde hier«, beklagte sich Melanie. »Ich hatte meine liebe Not, ihn daran zu hindern, wieder wegzulaufen.«
»Das haben Sie gut gemacht, Sergeant. Wir können jede Hilfe gebrauchen. Na, dann herein mit ihm.«
Gibbs war über diese Neuigkeit sichtlich erfreut. Er wusste genau, dass sie eigentlich kaum eine Chance hatten, in dem Fall weiterzukommen, wenn sich nicht etwas Außergewöhnliches ereignen würde. Und vielleicht brachte gerade dieser Zeuge etwas Licht ins Dunkel. Gibbs sollte recht behalten.
Als Jeff Miller von Melanie in das Büro gebracht wurde, hatte es sich Gibbs an einem quadratischen Besuchertisch mit Stahlrohrbeinen und Resopal-Auflage bequem gemacht und tat so, als lese er seine Notizen durch. Jeff Miller, das konnte man auf den ersten Blick sehen, war an solche Begegnungen nicht gewöhnt. Mit hängenden Schultern stand er da. Die Kappe mit dem Tesco-Schriftzug hielt er mit beiden Händen vor sich, als gelte es, sich notfalls hinter ihr zu verstecken. Melanie Poulsen blieb nahe der Tür stehen und wartete ab. Nach einer Weile sah Gibbs von seinen Notizen auf und schien Miller erst jetzt zu bemerken.
Er sprang mit einem Lächeln auf und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.
»Sie sind also Mr Miller? Das freut mich aber. Man sagte mir, Sie hätten im Zusammenhang mit dem Glenmoore-Fall eine wichtige Aussage zu machen?«
Jeff Miller hatte vermutlich eine völlig andere Art der Begrüßung erwartet. Trotzdem sah man ihm an, wie unwohl er sich in seiner Haut fühlte. Er nickte schüchtern und drehte dabei seine Mütze, als wäre es ein Autolenkrad.
»Ich bin Chief Inspector Gibbs. Ich bearbeite diesen verzwickten Fall«, stellte sich Gibbs leutselig vor. »Nehmen Sie doch bitte Platz, Mr Miller, dann können wir in Ruhe über alles reden.«
Gibbs rückte den Besucherstuhl zurecht und bat Miller, Platz zu nehmen. Der dreht sich um und schaute mit fragendem Blick auf Melanie, die ihn hereingeführt hatte.
»Keine Sorge, Mr Miller, meine Kollegin wird uns nicht stören.«
Auf einen Wink hin verließ Melanie das Büro. Miller setzte sich. Er saß ganz vorne auf der äußersten Kante des Stuhls. Die Kappe legte er vor sich auf den Tisch. Als wäre ihm plötzlich der Gedanke gekommen, dass man seine Kopfbedeckung nicht so mir nichts dir nichts auf den Tisch legt, nahm er sie plötzlich wieder weg und deponierte sie auf seinem Schoß.
»Was darf ich Ihnen anbieten, Mr Miller? Tee, Kaffee, Wasser?«
Gibbs redete, als wäre der Herz