Skye zog ihren vollbeladenen Handwagen durch die verdreckten Straßen und wollte nur noch in ihren kühlen, schattigen Unterschlupf. Der beißend-heiße Wüstenwind, der um die Ruinen und ihr kurzes Haar wirbelte, brachte Sand und noch mehr Hitze mit sich. Damit der Staub nicht in ihre Lunge drang, wickelte sie ihr dünnes Tuch fester um Mund und Nase. Unter der getönten Skibrille und der langen Kleidung schwitzte sie wie verrückt, aber der Stoff schützte sie vor den gnadenlosen Sonnenstrahlen, die innerhalb kurzer Zeit ihre Haut verbrennen würden. Die Vorfahren der überlebenden Menschen hatten schon vor dem Großen Krieg die Himmelshülle beschädigt, weshalb die Strahlung ungefiltert auf die Erde traf. Da nützten auch Skyes indianisches Blut und ihre etwas dunklere Haut nichts. Die Sonne war unerbittlich.
Vielleicht war es nur gerecht gewesen, dass sich die Bevölkerung vor fast einem Jahrhundert selbst nahezu ausgelöscht hatte. Wer diesen einzigartigen Planeten zerstörte, hatte es nicht verdient, darauf zu leben. Die Erde war einst ein Paradies gewesen, fruchtbar und voller Leben. Skye besaß dicke Fotobände, die ihr die frühere Schönheit dieser Welt zeigten: eine unglaubliche Vielfalt an Tieren, Pflanzen und Landschaftsformen. Bizarre Schluchten, weiße Strände, Urwälder, Vierbeiner mit meterlangen Hälsen … Und jetzt gab es nur noch totes Grau und staubiges Braun – zumindest auf dieser Seite des Flusses – und die Ruinen, die wie kariöse Zähne in den wolkenlosen Himmel ragten.
Auf die Westseite des Hudson River traute sich wegen der Reststrahlung so gut wie niemand. Die Bombe hatte New York um einige Meilen verfehlt und war hier draußen eingeschlagen. In der »verbotenen Randzone« nach Sachen zu suchen, war für Skye nichts Ungewöhnliches. Sie vertrat die Meinung, dass eine Meile näher am Unglücksort auch keinen Unterschied machte. Dort konnte sie sich wenigstens immer ungestört umschauen und fand die tollsten Gegenstände. Gestern hatte sie sogar ein ehemaliges Militärlager aufgespürt! Sie würde niemandem davon erzählen, denn da gab es jede Menge Medizin, Waffen und Konserven, die sie entweder selbst behielt oder in einer der friedlichen Siedlungen gegen andere Dinge, wie zum Beispiel frische Lebensmittel, eintauschen konnte. Die Orte, an denen gesetzlose Plünderer hausten, mied sie. Dort würde man sowieso nichts für ihre Funde zahlen, sondern sie bestehlen und sie vielleicht sogar verfolgen, um ihre Quellen zu enthüllen. Wenn sie vorsichtig war, konnte sie noch viele Male hierher zurückkommen, ohne dass jemand den Ort und seinen verborgenen Reichtum entdeckte.
Wenigstens verwischte dieser verdammte Glutwind sofort ihre Spuren, denn Skye war auf dem Weg zu einem ihrer geheimen Lager. Dort würde sie den Wagen sowie alle Schätze des Tages verstecken und sich anschließend zu ihrem Unterschlupf begeben. Sie wollte nur noch schlafen. Gerade fühlte sie sich nicht wie siebzehn, sondern wie siebzig. Aber in zwei Stunden ging die Sonne unter, dann wurde es endlich kühler. Manche Nächte waren hier draußen sogar so kalt, dass man sich den Arsch abfror.
Kurz bevor sie in eine engere, beinahe völlig verfallene Seitengasse abbiegen wollte, glaubte sie, einige Meter weiter im Schatten einer Ruine eine Bewegung wahrzunehmen. Sofort ließ sie den Griff des Leiterwagens los und holte ihren Hammer von der Ladefläche. Doch der würde ihr nichts nützen, falls jemand auf sie feuerte. Zwar hatte sie zu ihrer großen Freude in dem Militärlager eine gut erhaltene Armbrust mit jeder Menge Bolzen gefunden, leider fehlten ihr noch die Kenntnisse, wie sie diese Waffe bedienen sollte. Syke wollte sich später in ihrem Unterschlupf damit beschäftigen. Solange musste es der Hammer tun.
Die poröse Straße flimmerte, Staub wirbelte auf und erneut nahm Skye eine Bewegung im Schatten vor einer eingefallenen Mauer wahr. Vielleicht handelte es sich um ein Tier? Ein frisches Abendessen würde ihr gerade recht kommen. Doch sie musste vorsichtig sein, es gab gefährlich große Raubkatzen hier draußen. Diese waren nach dem alles vernichtenden Krieg aus den Zoos entkommen oder freigelassen worden – wer wusste das schon. Auf jeden Fall stellten wilde Tiere – neben Menschen – die größte Gefahr für Skye dar.
Langsam schlich sie mit dem Hammer in der Hand näher und traute ihren Augen kaum, als sie dort im Schatten der Mauer einen nackten Mann entdeckte, der auf dem Rücken lag. Skye konnte wegen des ganzen Staubs auf seinem Körper kaum einschätzen, wie alt er sein mochte. Achtzehn? Zwanzig?
Sofort schob sie sich die getönte Schutzbrille ins Haar, um ihn genauer betrachten zu können. Seine Haut an den Schultern und im Gesicht war so schlimm von der Sonne verbr