Prolog – 10 Jahre zuvor
»Hey, Cat, hast du Lust, dir den Sonnenuntergang anzusehen?«, raunte jemand dicht hinter ihr.
Kathryn drehte sich so schnell auf ihrem Hocker um, dass sie beinahe das Tablett mit ihrem Abendessen vom Kantinentisch fegte.
»Miles!« Sie sprang auf und warf sich in seine Arme. »Du bist wieder da!«
»Sieht so aus, Kitty-Cat.« Spitzbübisch grinste er sie an, drückte sie fest an sich und nickte den anderen am Tisch zu.
Miles’ blondes Haar schien noch heller geworden zu sein, oder täuschte das bloß, weil sein Gesicht so braun war? Nur die Region um die Augen war wegen der Schutzbrille, die er tagsüber draußen tragen musste, fast weiß.
»Wart ihr erfolgreich?«, fragte sie, wobei ihr Herz wild pochte. Überall um sie herum standen Leute auf, um die zwanzig Ankömmlinge freudig zu begrüßen.
»Hm«, brummte er und hatte nur Blicke für ihren Mund übrig. »Sehr erfolgreich sogar.«
Eine Woche lang hatte sie ihn nicht gesehen und ihn schrecklich vermisst. »Wo ist Nolan?«
Miles deutete über seine Schulter. »Dein Bruder steht längst an der Essensausgabe.«
Kathryn schaute an ihrem Freund vorbei über die Köpfe der Leute und erspähte Nolans schwarzen Schopf und seine große, schlanke Gestalt. Genau wie Miles trug er einen beigen Tarnanzug, und er ließ sich von ihrer Köchin Linda gerade eine extragroße Portion Eintopf auf den Teller geben.
Ihr Bruder diente seit einem Jahr in der Erkundungseinheit, denn der Glückliche war vierzehn Monate älter als sie und zählte schon zu den Erwachsenen. Miles war bereits seit zwei Jahren bei der Erkundungseinheit.
»Ich kann es kaum erwarten, nächste Woche endlich sechzehn zu werden«, sagte sie, trat einen halben Schritt zurück und griff nach Miles’ Hand. Sie fühlte sich rau an und war noch ganz staubig. Er musste gleich nach seiner Ankunft zu ihr gekommen sein. Kathryn liebte ihn so sehr. »Dann kann ich mich endlich für die Außeneinsätze bewerben.«
Miles hob skeptisch die Brauen. Sie hatten mehrfach über das Thema gesprochen, und er war nicht begeistert von ihrem Vorhaben. Da draußen war es gefährlich.
Das wusste Kathryn, aber sie wollte endlich etwas anderes sehen. Seit dem Tag ihrer Geburt lebte sie mit ihren Eltern, ihrem Bruder und mittlerweile zweihundertdreiundachtzig anderen Leuten auf diesem riesigen Containerschiff. Es lag im ehemaligen Hafen von Newark auf Grund, und Kathryn kannte jeden Winkel auswendig. Deshalb wollte sie unbedingt die Welt jenseits dieser Stahlwände erkunden, auch wenn sie karg, staubig und gefährlich sein sollte. Kathryn konnte sich jedoch nichts Aufregenderes vorstellen, als in den Ruinen der alten Städte nach Sachen zu suchen, die ihnen das Überleben erleichterten. Sie wollte mehr tun, als den Jüngeren Lesen und Schreiben beizubringen oder auf der Farm-Ebene Unkraut zu jäten.
Nolan kam mit seinem Tablett zu ihnen, grinste Kathryn fast genauso frech an wie Miles und deutete auf die Überreste ihres Abendessens. »Hey, Schwesterchen, isst du das noch auf?«
»Du kannst alles haben.« Schmunzelnd ließ sie die Hand ihres Freundes los, um Nolan zu umarmen. Sie wusste nicht, wen von den beiden sie mehr liebte – wobei die Liebe zu ihrem Bruder natürlich eine andere war. Doch sie hatte ihn schon als kleines Mädchen vergöttert. Er war groß und stark, genau wie Miles, und die beiden waren dicke Freunde.
Nolan gab ihr einen Kuss auf die Wange und setzte sich dann auf ihren Platz. »Lasst euch von mir nicht stören.«
»Wir wollten sowieso gerade nach oben.« Miles schnappte sich einfach eine Tomate von Nolans Tablett – woraufhin sich dieser mit vollem Mund beschwerte – und zog Kathryn aus der Kantine.
Die düsteren Gänge wirkten verlassen, da nun fast alle beim Essen waren, außer einige Wachen, wie ihre Eltern. Mum und Dad waren heute an Deck eingeteilt. Es gab immer wieder Plünderer, die versuchten, an Bord zu kommen, um ihre Vorräte zu stehlen. Aber ihre Mittel waren begrenzt und reichten kaum für ihre Leute und um ein bisschen Tauschhandel mit anderen Siedlungen zu betreiben. Dennoch besaßen sie trotz vieler Strapazen und Entbehrungen ein relativ gutes Leben; das Schiff war wie eine kleine Insel oder Festung.
Die meisten Menschen außerhalb des Schiffes sehnten sich nach einem besseren Leben und kämpften dafür, einmal in Royal City wohnen zu dürfen. Unter den Kuppeln musste das Paradies liegen, weshalb die Soldaten von Royal City ihr Heim mit Waffenkraft verteidigten. Kathryn war furchtbar neugierig, wie es unter den Kuppeln aussah. Die milchigen Hüllen erlaubten leider k