Ich komme mir vor wie von Löwen umzingelt. Ihre gefräßigen Blicke ängstigen mich, aber wie immer muss ich gute Miene zum bösen Spiel machen. Hier bin ich nicht Sonja Anaya, sondern eine Bedienung in einem lächerlichen Hosenkleid, einer Halbmaske und einem bauchfreien Oberteil mit Puffärmeln.
Die Dschinn-Bar – oder sollte ich sie besser »Hurenhaus« nennen – ist voller Warrior. Es sind bestimmt über dreißig Krieger anwesend. Auch wenn sie keine Kampfmontur tragen, erkenne ich sie sofort an ihrer großen Gestalt, den ausgeprägten Muskeln und vor allem an ihren Augen. Cedric hatte genau dieselben katzenhaften Augen, die sogar das schummrige Licht im Raum reflektieren. Ich denke oft an ihn. Nur seinetwegen bin ich an diesem Ort.
Leise Musik spielt, irgendwelche elektronischen Töne, an den Wänden hängen Tücher in kräftigen Farben – strahlendes Gelb, leuchtendes Rot, Orange und Blau –, andere sind bemalt mit Blütenmotiven und Schnörkeln. Überall baumeln goldene Kordeln, und Pailetten glitzern auf meiner Kleidung und der der anderen Mädchen. Sie huschen zwischen den Kriegern umher und schmeicheln ihnen mit Blicken und zarten Berührungen. Andere Frauen sitzen bei den Männern auf dem Schoß, doch bevor es zu mehr kommt, scheucht Mama Rosalia sie auf und teilt ihnen ein Zimmer zu. Die ältere Frau, die wenig von ihrer Schönheit und Jugend eingebüßt hat – fortschrittlicher Medizin sei dank –, ist hier die Chefin.
Die ovalen Milchglasfenster erlauben keinen Blick nach draußen, und gäbe es keine Uhr, wüsste ich nicht, dass es bereits Abend ist. Ich vermisse die Sonne. Allein die Helligkeit unter der Kuppel muntert mich ein wenig auf, denn gleich werde ich wieder in die Kanalisation absteigen und mich mit den anderen Rebellen in dem unterirdischen Höhlensystem verstecken. Ich hasse diese ewige Dunkelheit, und die ständige Angst, entdeckt und getötet zu werden, zermürbt mich.
Tief atme ich durch und inhaliere die saubere Luft in der Bar. Keine Zigaretten, keine Räucherstäbchen, keine Kerzen brennen hier. In White City ist eben alles anders. Steriler. Moderner. Gesünder. Außerdem würden sich die Warrior an extremen Gerüchen stören, denn all ihre Sinne sind schärfer ausgeprägt als bei uns gewöhnlichen Menschen.
»Soraja, der Süße mit dem Ohrring möchte seinen Drink«, sagt Layla und drückt mir das Glas mit dem blauen Getränk in die Hand. In ihrem schwarzen Haar glitzern Perlen, genau wie in meinem. »Ich glaube, den solltestdu ihm bringen.«
Ich schlucke, als ich über den Tresen zum Tisch der drei jungen Männer schaue, alles Warrior-Anwärter oder auch Jungspunde, wie sie sich untereinander nennen. Der eine von ihnen mit dem blonden kurzen Haar und dem großen Silberring im Ohr, starrt mich seit einer halben Stunde an. Sein Blick wirkt kühl und lauernd, und die Narbe an seinem Kinn unterstreicht sein kriegerisches Äußeres. Immer, wenn ich zu ihm sehe, schaut er schnell weg.
So ehrlich wie möglich lächle ich Layla an. »Gerne.« Sie ist Aushilfe an der Bar und muss die Kunden ab und zu auch ein Stockwerk höher bedienen. Dort liegen die »Spielzimmer«, in denen sich die Warrior mit einem der Mädchen austoben können. Gerade die Krieger, die noch in der Ausbildung sind, kommen in ihrer knappen Freizeit ge