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Heute begann es, mein neues Leben. Jetzt. In diesem Moment, in dem der rote Umzugswagen endlich in der Danklstraße auftauchte. Mein Leben als betrogene Ehefrau und Witwe auf dem Dorf lag hinter mir – hier in München war alles neu, die Luft war klar und frisch, und zwischen den Häuserreihen strahlte blau der Himmel.
Als der Laster geparkt hatte, machte ich schnell ein Foto und schickte es an Freunde und Familie. Dann lief ich voller Vorfreude hoch in den dritten Stock. Die Möbelpacker trotteten müde hinter mir her. Ihnen merkte man an, dass wir morgens um vier im Odenwald losgefahren waren – mir dagegen nicht, ich war voller Energie und Tatendrang.
Erst mal erläuterte ich ihnen, was sie in welche Zimmer bringen sollten. Sie nickten eifrig und redeten kaum, und ich hoffte das Beste, während immer wieder mein Handy vibrierte. Mona schickte ein paar Herzchen und kündigte ihren Besuch für abends an, meine Mutter fragte, wie die Fahrt gewesen war.
So ein kleiner Dicker trug gerade meinen Orangenbaum ins Wohnzimmer und gähnte dabei so sehr, dass ich seine Zahnplomben sehen konnte.Rumms ließ er dann auch noch den Baum mitten im Wohnzimmer fallen.
Hoffentlich war alles heil geblieben. Langsam wickelte ich die Noppenfolie ab. Erde bröselte mir entgegen, Topf und Äste schienen jedoch intakt zu sein. Vorsichtig schob ich den Baum vor die Tür des kleinen Balkons und sah, wie der Mann schon wieder verstohlen gähnte, während er die Folie wegräumte.
Hier herrschte eindeutig Koffeinbedarf, und die Espressomaschine war natürlich noch in irgendeiner Kiste verpackt.
Ich liebe es, Leute zu überraschen. Gleich in der Nähe war ein kleiner Bäcker, also schnappte ich mir meinen Geldbeutel und den Einkaufskorb und lief an zweiMännern vorbei, die gerade die Einzelteile meiner Bücherregale nach oben trugen. Hinter der Tür mit dem schwarzen Fußabtreter im ersten Stock hörte ich Schritte. Gegenüber standen Kinderschuhe. An derPC-Reparaturwerkstatt im Erdgeschoss hing ein »Geschlossen«-Schild. Auf meine neuen Nachbarn war ich schon sehr gespannt, während der Renovierungsarbeiten hatte ich leider kaum jemanden gesehen.
Ich war so froh über meine neue Wohnung hier in Sendling. Drei Zimmer, Küche, Bad, einen winzigen Balkon zur Straße, einen etwas größeren in den Innenhof, in einem gelben Altbau. Vermutlich Jahrhundertwende, so wie die weißen Muster an der Fassade und die kleinenBalkone aussahen. Sie erinnerten mich mit den geschwungenen Eisenstäben an Paris, und ich hatte sie gleich beim ersten Anblick in mein Herz geschlossen.
Die Danklstraße war eine schmale Seitenstraße, viel Verkehr gab es also nicht, parallel dazu verlief aber die Implerstraße mit allerlei Geschäften und einer U-Bahn-Station. Und eben den Bäcker, zu dem ich gerade unterwegs war.
Sendling war noch nicht so schick und teuer wie zum Beispiel Schwabing, aber auch hier standen viele alte Gründerzeit- und Jugendstilhäuser. Überall viele Bäume und kleine Parks, ein Schwimmbad, Cafés und Nachbarschaftsinitiativen. Und eine Buchhandlung! Nie hätte ich gedacht, dass ich so ein Glück haben würde.
Beim Bäcker holte ich für jeden einen großen Cappuccino und suchte belegte Brötchen mit Käse und Salami aus. »Semmeln«, wie die Verkäuferin sagte, einfach wunderbar,